WELTKRIEG

Critical components - photo by Susanne Haerpfer

Critical components – photo by Susanne Haerpfer

„Wußten Sie, dass der Aufzug in Ihrem Haus wie ET im gleichnamigen Film `nach Haus telefoniert?“ Der Aufzug kommuniziert über das internet mit den Leuten, die ihn gebaut haben.“

Dies schreiben Richard A. Clarke und Robert K. Knake im Buch „World Wide War“. Vier US-Präsidenten wurden von Richard Clarke beraten. Ihr Buch ist das beste, was in den letzten zehn Jahren geschrieben wurde. Es macht komplizierte Technik und Zusammenhänge leicht verständlich. Es erklärt und warnt. Es bringt den Weltkrieg dorthin, wo er schon immer verheerende Wirkungen hatte: in den Haushalt der Normalbürger, die zu lange glauben, Weltpolitik sei weit weg. Dabei ist das, was manchmal die Telefonrechnung hochtreibt, den heimischen computer auf magische Weise wieder zum Funktionieren bringt, ebenso den Fotokopierer im Büro – und das ganz ohne Besuch eines Monteurs, genau das, was den Dritten Weltkrieg entfachen kann. Die Fernwartungskomponente. Die Luftschnittstelle.

Mein Fuhrstuhl ist doch nicht in´s internet eingestöpselt, werden jetzt einige einwenden. Dies ist auch gar nicht nötig. Denn es sind Bestandteile im Fahrstuhl, aber auch in anderen Geräten, die selbständig Kontakt aufnehmen. Darin besteht die Kernbedrohung. Nicht nur in Iranischen Atomanlagen. Ganz ohne klassisches Hacken. Ganz ohne usb-stick. Viele Menschen werden in falsche Sicherheit gewogen.. Oftmals wird behauptet, es reiche, Geräte vom internet abzukoppeln, dann könnten sie nicht gehackt und somit lahmgelegt werden. Die beiden Autoren räumen auf mit diesem Kurzschluß. Sie schildern, wie das, was größere Bequemlichkeit und Kostenersparnis bringen sollte, größere Risiken und Mehrkosten verursacht. Die Rede ist von der Möglichkeit, Geräte aus der Ferne zu warten. Möglich ist dies durch mehrere technische Funktionen bzw. deren Kombination. Dazu gehören: winzige Bestandteile, die selbständig funken. Das können sogenannte RFID-tags sein. Aber auch Mini-Programmsequenzen, wenige Programmierzeilen, die nicht viel Speicher- und Batteriekapazität benötigen, aber in Technikbausteine eingebaut sind. Auf diese Weise könne das Stromnetz angegriffen werden, schreiben die Autoren des Buchs „Weltkrieg“. In Leitungen könne eingegriffen, Generatoren zerstört werden, „auch Züge zum Entgleisen veranlasst, Gütertransporte an falsche Bestimmungsorte geschickt oder Gaspipelines zum Platzen gebracht werden. Computerbefehle an ein Waffensystem können in diesem Fehlfunktionen auslösen oder es abschalten.“

Und zwar alles ohne internet bzw. ohne das, was der Normalverbraucher als internet kennt.

Insofern handelt es sich bei dem Deutschen Untertitel des Buchs „Angriff aus dem internet“ um eine falsche Übersetzung bzw. Irreführung. Wer sich den Untertitel erdachte, hat das Buch nicht verstanden. Das amerikanische Original heißt „Cyber War: The Next Threat to National Security and What to Do about it.“ Cyber War ist aber mehr als ordinäres internet. Cyber War ist die Verkettung von menschlichen Fehlern, von Falschannahmen, Logikfehlern, die Verknüpfung scheinbar harmloser Umstände mit katastrophalen Folgen, kombiniert mit moderner, noch nicht vollständig verstandener Technik, die daher exponentiell enorme Sprengkraft entfacht.

So wie im Tierreich es oftmals nicht die großen Raubtiere sind, sondern winzig kleine Insekten, so wird jetzt ein Weltkrieg entfacht, den einige noch gar nicht als solchen erkennen – verursacht durch winzige Steuerungselemente bzw. Menschen, die diese ersannen und einsetzen.

Lesefaule Krimi-Fans lugen gern in die letzten Seiten, um zu erfahren, wer der Mörder ist. Die beiden Sachbuchautoren bieten dasselbe mit ihrem Glossar. Auf der vorletzten Seite ist auf neun Zeilen erläutert, womit unsere Welt zerstört werden kann: mit „ÜSE, System zur Prozesssteuerung und –überwachung.“ Damit ist den beiden Sicherheitsexperten ein Kunstgriff gelungen. Denn zum einen haben sie bündig zusammengefasst, worin die Hauptaussage ihres Buchs besteht. Sie haben den Bösewicht benannt. Dessen Funktion beschrieben. Und sie haben dies optisch in derselben Form getan, wie die Schadsoftware auch daherkommt: nämlich in Gestalt weniger Zeilen. Neun Zeilen reichen aus, um das Kernproblem zu beschreiben. Neun Zeilen genügen, um den Inhalt ihres 351 Seiten Buchs zusammenzufassen. Executive Summary. Ein Wortspiel. Mit dem, was geschieht. Denn so wird sowohl das genannt, was Inhaltsangabe für gestresste Manager bedeutet. Bild-Zeitung für Führungspersonal. Die zehn Gebote. Also auch: Handlungsanweisung. Befehl. Das, was in den Geräten eine Kette von Aktionen auslöst. Aber auch in Behörden, in der Politik, in Unternehmen. Neun Zeilen reichen, um einen Weltkrieg zu entfachen. Und die Ursache, den Wirkmechanismus zu beschreiben.

Und dies sind die Zeilen, die so viel Sprengkraft haben bzw. diese benennen:

„Software für Netzwerke, die technische Prozesse kontrollieren, beispielsweise bei Ventilen, Pumpen, Generatoren, Transformatoren und Robotern. Die ÜSE-Software sammelt Informationen über den Zustand der einzelnen Elemente eines Systems und ihre Abläufe. Sie sendet auch Steuerungsbefehle, die übers Internet oder per Funk übermittelt werden. Die Befehle sind nicht verschlüsselt. Die Empfänger überprüfen nicht, von wem die Befehle kommen.“

Darin liegt die Gefahr. Menschen, die nicht hinterfragen. Menschen, die Entscheidungskompetenz an Technik abgeben, die sie nicht verstehen, und die andere Menschen mit menschlichen Fehlern konzipiert haben. Technikgläubigkeit. Vertrauen darauf, dass Technik unfehlbar sei, dass einmal geprüft bedeute, dass auch wirklich alle Eventualitäten und Verknüpfungen erkannt und berücksichtigt wurden. Und dies, obwohl der Satz, der am häufigsten nach Katastrophen und Anschlägen gesagt wird, lautet: das habe man sich in dieser Dimension nicht vorstellen können. Murphys Gesetz vom Brötchen, das stets auf die Marmeladenseite fällt, wird ignoriert. Mangelnde Vorstellungskraft sei ein Faktor gewesen, der die Terrorattacken am 11. September 2001 ermöglicht habe, hieß es im Kommissionsbericht. Autor Clarke war vor den Anschlägen Bundeskoordinator für die nationale Sicherheit, hinterher leitete er den Krisenstab des Weißen Hauses. Er gibt den Spielfilmen „Die harder“ von Bruce Willis die höchsten Weihen. Clarke und sein Co-Autor schreiben: „In Filmen dagegen wird der Cyberkrieg häufig thematisiert. In `Stirb langsam 4.0´ legt ein in Ungnade gefallener Sicherheitsexperte des Verteidigungsministeriums (…) die nationalen Computernetzwerke lahm“. Es folgen weitere Beispiele. Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter subsumiert: „Das Kinopublikum hat vermutlich kein Problem, sich vorzustellen, was ein Cyberkrieg anrichten kann. Hochrangige Regierungsbeamte schaffen es dagegen wohl eher selten ins Kino. Vielleicht denken sie auch, das sei alles nur erfunden. Um begreiflich zu machen, dass solche Szenarien Realität werden können, brauchen wir ein Übungsprogramm für die Privatwirtschaft.“ VON SUSANNE HÄRPFER

„World wide war“ von Richard Clarke und Robert K. Knake, 2011, Hoffmann und Campe, € 22.

Susanne Haerpfer is free lance journalist for television, newspapers, magazine (text & foto) online media and research. The rights for further publication can be bought from me, based on mutual signed agreement Susanne.Haerpfer@bits.de

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