FOTOS SIND VOODOO

Von Susanne Härpfer

Würde

strahlen die Fotos aus im Bildband, der 2011 im Herbig Verlag erschienen ist.

Und verweisen damit auf ein weiteres Fotobuch des Verlags, das unter dem Titel „Dignity“ (= Würde) erschienen ist.

Voodoo ist ein diplomatisches Buch; ausgewogen, wie gemacht zum Besuch des Papstes in Benin Anfang dieses Jahres

Eine Einführung in´s Thema, vergleichbar einem Heft aus der Reihe Geo Spezial über Deutschland, das sich Beniner kaufen würden, wenn sie das erste Mal in dieses Land reisten. Denn was ist Deutschland? Es gibt in Deutschland Boulevard-Schlagzeilen über Baby-Leichen, es gibt Kulturvereine für Bildungsbürger, die Volkshochschule von Wanne-Eickel ebenso wie Botschaftsempfänge in Berlin, Privat-Feiern und Hartz IV-Unrecht.

Ähnlich vielschichtig ist auch Benin, und Voodoo ebenso. Die Spannbreite wird im Buch auf 159 Seiten der Extra-Größe aufgezeigt. Auch wenn dies nicht expressis verbis so genannt wird. Der Text changiert zwischen neutralem Lexikon-Stil und verständnisvollem Ton von Dritte-Welt-Initiativen aus den 80 er Jahren – selbst bei Vorgängen, gegen die betroffene Beniner vermutlich revoltieren würden, wenn sie könnten. Denn was ist Voodoo auch: ein Bußgeldkatalog im für uns exotischen Gewand. Gesellschaftliche Ächtung bei Fehlverhalten und Mobbing. Voodoo gegen Voodoo ist manchmal nötig, wenn von Mächtigen Unrecht verübt wird, wenn es gilt, Neid und Missgunst abzuwenden. Auch diese Funktion hat Voodoo. Einige sehen traurig aus auf den Bildern, andere furchtsam. Manche wirken auf den Gruppenaufnahmen wie Jungpioniere der DDR, die zur Mai-Parade abkommandiert worden sind; und eigentlich wäre man lieber ganz woanders. Aber der Ortsgruppenchef guckt ja zu. Und mit dem sollte man es sich lieber nicht verscherzen. Andere vermitteln Wissen und Stolz.

Fotos, die neugierig machen sollen. Fotos sind Voodoo. Sie lösen das Raum-Zeit-Kontinuum auf. Sie halten einen Moment an einem Ort fest und transportieren es mit Zeitverlust an eine andere Stelle. Teleportation. Nachhelfen, wenn´s nicht so richtig klappt mit der Gedankenübertragung. Manchmal sprechen die Abgelichteten. Sie rufen an. Sie sind ein Familienalbum aus einer Zeit, als wir alle miteinander verwandt gewesen sind. Seelenwanderung. Reinkarnation. Die Bekräftigung des Buddhismus. Vielleicht bestätigen Wissenschaftler mit anderen Worten auch, wie wirksam manches von dem ist, was als Voodoo bezeichnet wird. „Da denkt einer an Dich“, heißt es bei uns. „Oder Schlimmes widerfährt einem, Worte verletzen, und am Tag darauf erfährt man aus der Zeitung von einem Unglück, oder dass ein Bekannter gestorben ist. Das Buch ist somit auch eine Parabel auf Vorgänge hier in Deutschland, die nichts mit Voodoo zu tun haben.

Abgesandte westlicher Pharma-Konzerne durchstreifen seit Jahren Länder. Einst hatten sie versucht, Wissen und Pflanzen zu vernichten. Inzwischen haben sie erkannt, dass manches von dem, was sie ausrotteten, eigentlich nützlich und wirksam ist. Und Profit-bringend. Ob dies auch für Voodoo gilt, schreiben die Autorinnen nicht. Aber denkbar ist es. Ebenso wie die Frage, ob Forscher vergleichen, ob Menschen in Benin auf dieselben Rituale und Zutaten gekommen sind wie Deutsche im Mittelalter. Und falls ja, was dieses heißen würde. Wäre dies ein Beweis von Voodoo? Gedankenübertragung – Welt-Wissen. Falls Alchemisten dieselben Rezepturen probierten, wie sie bis heute in Benin gängig sind. Seltene Erden und wie sie genutzt werden. Früher für Telepathie, heute für´s Handy. Fehlende Elemente im Periodensystem, und welche Antworten Voodoo liefern könnte.

Geschichte des Voodoo, Voodoo in anderen Ländern – die Palette an Unterthemen ist vielfältig. Eine Reportage wäre nötig, um das zum Leben zu erwecken, was der Bilder-Transport nicht leisten kann. Beschreiben, was ist Medizin, was echte Magie. Wer missbraucht Macht, wer wehrt sich. Welche Seilschaften gibt es, wem dient Voodoo nur als Tarnung oder um sich durchzusetzen in Politik und Wirtschaft. Was ist Hokuspokus, was self-fulfilling prophecy, und wer hilft mit welchen Methoden nach, damit auch wirklich geschieht, was angekündigt wurde. Insider-Wissen. Ein Aussteiger aus einem Voodoo-Kult. Vielleicht ist der Text des Buchs auch deshalb so diplomatisch abgefasst. Man möchte wieder kommen. Ehrliches Interesse und Sympathie. Voodoo ist mehr als das, was als erste Assoziation vor dem geistigen Auge erscheint. Die Fotos bezeugen es. Aber: es gibt  auch Kriminelle. Und die entsprechen dem Klischée: „Vor kurzem starb ihr Sohn. Sie ist sich sicher: Er wurde vergiftet. Als Priesterin eines so wichtigen Tempels hat man viele Neider.“ Versteckt im Kleingedruckten heißt es sogar: „Besondere Kraft schreibt man jenen Fetisch-Figuren zu, denen ein Menschenopfer gebracht oder unter denen gar ein Mann lebendig begraben wurde. Heute ist diese Praktik natürlich verboten.“ Verbote verhindern aber nicht. So kam es in London zu so spektakulären Voodoo-Morden, dass eine Sonderkommission gebildet wurde. Darüber berichten die Macher des Buchs allerdings nicht. Vor deutschen Gerichten sind Entführungen, brutale Misshandlungen, Schleusung, Drogenkriminalität und Zwangsprostitution mit Voodoo verknüpft. Investigative Recherche ist gefragt. Genügend Stoff für einen weiteren Band.

Ann-Christine Woehrl, Laura Salm-Reifferscheidt „Voodoo – Leben mit Göttern und Heilern in Benin“ 2011 Herbig Verlag München, Reich Verlag, Terra Magica Luzern € 39, 99.

photo by Susanne Haerpfer

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