HOLLYWOOD

RUHM FÜR SECURITY FIRMA

von Susanne Härpfer

„Milton Security hatte dreihundertachtzig Vollzeitangestellte und knapp dreihundert zuverlässige freie Mitarbeiter, die nach ihrem jeweiligen Einsatz bezahlt wurden. Verglichen mit Falck oder dem Schwedischen Überwachungsdienst war es also ein kleines Unternehmen. Als Armanskij in der Firma anfing, hieß sie immer noch Johan Fredrik Miltons Allgemeine Bewachungs-AG, und ihr Kundenkreis bestand aus Einkaufzentren, die Ladendetektive und muskelbepackte Wachmänner brauchten.“

Porträts von Sicherheitsunternehmen lesen sich so. Diese brachte es zu Weltruhm. Die Firma wurde in einem Bestseller verewigt. Die Geschichte mehrfach verfilmt. Erst in Schweden, dann in Deutschland, jetzt für die ganze Welt; mit Daniel Craig in der Hauptrolle.

In Deutschland erschienen im Heyne Verlag unter dem Titel: „Verblendung – Verdammnis – Vergebung“ von Stieg Larsson. 

Helden der Trilogie: Ein Security-Unternehmen, das die kritische, unvoreingenommene und investigative Rechercheurin Lisbeth Salander beschäftigt. Ein wahrheitsliebender Journalist. Und: Menschen im Hintergrund, die trotz aller Widerstände diese unterstützen.

Lisbeth Salander

MACHT ABSOLUT NIEMALS DINGE, DIE SIE NICHT MACHEN MÖCHTE. SIE KÜMMERT SICH NICHT IM GERINGSTEN DARUM, WAS ANDERE MENSCHEN VON IHR DENKEN. SIE IST UNGLAUBLICH KOMPETENT, UND SIE IST ANDERS.“

„Sie legte immer völlig unerwartete Ergebnisse vor. (…) Wie sie das anstellte, hatte er nie 

verstanden, und bisweilen schien ihre Fähigkeit, Informationen an´s Licht zu holen, die reine Magie zu sein.“

[Seite 45, Verblendung, Stieg Larsson, Heyne, 2007] 

Bislang wurde die Protagonistin dargestellt als schräge Punkerin inmitten von Gewalt. Die Darstellung: grell, schrill, überzeichnet, laut. Alles, was gemeinhin abgelehnt wird, nicht Mehrheitsfähig ist, wird im Film gezeigt. Und dennoch verkauft, oder deshalb. Weil auch diejenigen, die das Gezeigte verachten, es sich dennoch ansehen wie eine besonders scheußliche Vogelspinne. Der Masseneffekt entsteht durch´s Feindbild, durch die Überzeichnung von Klischees. Vorurteile werden bestätigt statt abgebaut. Und Randgruppen glauben naiv an Befreiung.

Doch all dies hat nichts oder kaum etwas zu tun mit dem, worum es eigentlich geht in den Büchern.

Um:

Ideale.

Werte.

Gemeinsame Vorbilder.

Die vermeintliche Gegner vereinen.

Security der hochkarätigen Art, Journalisten im ursprünglichen Sinn und herausragende Individuen. Besondere Persönlichkeiten. Anerkannte. Und Verfolgte.

Loyalität

Wahrheit

Aufrichtigkeit

Widerstand

Glaube

Unterstützung, auch wenn´s zum eigenen Nachteil ist

Standfestigkeit

Sorgfalt

Umsichtigkeit

Verantwortungsgefühl

Es geht eigentlich um das, was in Grundgesetz, amerikanischer Unabhängigkeitserklärung und den Schriften großer, bedeutender Reformer, Protestler und Widerständler zu finden ist:

Einigkeit, Recht, Freiheit und Wahrheit.

Dafür bürgt auch der Name. Stieg Larsson wird als Autorenname genannt. So heißt zugleich ein Held der amerikanischen Unabhängigkeitskriege.

Die Protagonisten handeln in diesem Sinn und in der Tradition. Und werden exakt aus demselben Grund so sehr gehasst und bekämpft. Sie sind so demokratisch, dass manche um ihre Pfründe fürchten.

All dies ist in den bisherigen Verfilmungen nicht zu finden. Zeit, die Bücher wirklich zu lesen. 687 Seiten umfaßt der erste Band. Der zweite ist 751 Seiten lang, und Vergebung braucht 848 Seiten.

Die Grundlage für eine Neu-Verfilmung. Denn „die wahre Geschichte“ fehlt.

VON SUSANNE HÄRPFER

HACKER IN HOLLYWOOD

Reparatur und Angriff sind zwei Seiten Desselben

VON SUSANNE HÄRPFER

„Die Signale, die direkt zu Wennerströms Computer fließen, filtern wir ganz einfach, b e v o r sie durch seine firewall gegangen sind. (…) das Raffinierte daran ist, die Mail wird gepatched, und ein paar Byte Quellcode werden hinzugefügt. (…) bekommen wir ein paar neue Zeilen Quellcode. (…) Wenn die letzten Bits an ihrem Platz sind, wird der Trojaner, also dieses versteckte Programm, in seinen Browser integriert. Für ihn sieht das so aus, als würde sich sein Computer aufhängen, und er müsste alles noch mal neu starten. Beim Neustart installiert sich dann ein ganz neues Programm. Wennerström verwendet den Microsoft Explorer. Das nächste Mal, wenn er den Explorer startet, startet er in Wirklichkeit ein ganz anderes Programm, das unsichtbar irgendwo auf seinem desktop liegt. Es sieht aus wie ein Explorer, es funktioniert wie ein Explorer, aber es macht auch noch eine ganze Menge anderer Sachen. Zunächst einmal bemächtigt es sich seiner Firewall, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass es für Wennerström so aussieht, als würde alles funktionieren. Dann beginnt der Computer zu scannen, und jedes Mal, wenn er beim Surfen auf die Maus klickt, verschickt es Informationen. Nach einer Weile – auch da kommt es darauf an, wie viel er im Netz ist, haben wir ein komplettes Spiegelbild vom Inhalt seines computers auf einer Festplatte unseres Servers. Und dann ist der Zeitpunkt für den h t gekommen.“

Das kann high tea bedeuten oder hostile take over.

In der Romantrilogie hacken sich die Protagonisten in Notwehr in den Computer des Gegners.

Sie befinden sich in Lebensgefahr.

Sie werden fälschlich als Staatsfeinde dargestellt, weil sie von Staatsfeinden wissen und diese Information veröffentlichen wollen.

Der Journalist versucht, zu berichten. Die Betroffene auf dem Rechtsweg. Doch beide erleben Unrecht und Willkür. Schließlich werden beide sogar bedroht, verfolgt und müssen um´s Überleben kämpfen. Je mehr sie versuchen, die Wahrheit an´s Licht zu bringen, desto mehr werden sie diffamiert. Schließlich greifen sie aus Notwehr gezwungenermaßen als letztes Mittel zu dem, was sie beide eigentlich ablehnen und bekämpfen: sie überwachen die Überwacher.

Nur so können sie das Komplott beweisen und die Methoden zeigen, zu denen diejenigen greifen, die ihnen nach dem Leben trachten. Und die Mechanismen, auf die Medien, Freunde, Kollegen, Bekannte und der Rest der Bevölkerung hereinfallen.

Divide et impera – teile und herrsche, und verbreite Angst und Schrecken durch direkte Gewalt und Rufmord. Dies sind die Mittel der Gegner.

Absprachen, vorgefasste Urteile, Schlechtachten, Hetzkampagnen – alles unter dem Deckmantel von angeblichem Recht und Ordnung. Mit dem Ziel, die Hauptpersonen zu vernichten.

Diese geballte Macht und Skrupellosigkeit beweisen sie zunächst durch konventionelle, aber besonders sorgfältige Recherche. Dann, indem sie sich selbst per Video überwachen, um so Einbrüche beweisen zu können. Schließlich, indem sie selbst einbrechen, und zwar in die Rechner ihrer Feinde. Nur so können sie das beweisen, was sonst als Hirngespinst abgetan worden und gegen sie verwendet worden wäre. Absprachen mit dem Ziel, ihr Leben zu vernichten. Im Roman siegt das Gute. Die Wahrheit wird veröffentlicht, Lisbeth Salander freigelassen.

VERGEBUNG

braucht 848 Seiten.

Ein Wirtschafts-Krimi

Von Susanne Härpfer

„Sie müssen zwei Dinge unterscheiden – die schwedische Wirtschaft und die schwedische Börse. Die schwedische Wirtschaft ist die Summe aller Dienstleistungen und Waren, die in diesem Land jeden Tag produziert werden. Das sind Telefone von Eriksson, Autos von Volvo, Hühnchen von Scan und Transporte von Kiruna nach Skövde. Das ist die schwedische Wirtschaft, und die ist noch genau so stark oder schwach wie vor einer Woche. Er machte eine Kunstpause und trank einen Schluck Wasser. Die Börse ist etwas ganz anderes. Da gibt es keine Wirtschaft, keine Produktion von Waren und Dienstleistungen. Da gibt es nur  Phantasien, da entscheidet man von einer Stunde auf die andere, dass dieses oder jenes Unternehmen jetzt soundso viele Milliarden mehr oder weniger wert ist. Das hat nicht das Geringste mit der Wirklichkeit oder mit der schwedischen Wirtschaft zu tun.“

Dasselbe gilt für die Protagonistin der Romane „Verblendung – Verdammnis – Vergebung“ von Stieg Larsson. Lisbeth Salander ist Opfer von Rufmord. Sie wird von Behörden diffamiert und verfolgt.

„Versuchen Sie es mal mit dem Gedanken, dass sie unschuldig sein könnte. Daß das Bild, das die Schlagzeilen von ihr gezeichnet haben, Unfug sein könnte, und dass hier noch ganz andere Kräfte am Wirken sind, als man bisher angenommen hat.“ 

[S. 298 Vergebung]

Dies sagt der einzige Journalist, der die Wahrheit erkennt und ihr glaubt. Mikael Blomkvist – in der Hollywood-Verfilmung dargestellt durch Daniel Craig. Seine Verbündeten (im Roman): eine Security-Firma mit Rückgrat, ein integrer Unternehmer, Hacker mit mehr als nur guten Absichten, Journalisten, die Ethos noch leben und weitere Menschen, die sich so verhalten, wie es eigentlich alle sollten, aber leider nicht tun. Stieg Larsson ist die Rehabilitation des „Gutmenschen“. Ein Begriff, der zynisch ausgerechnet all jene verspottet, die unsere Gesellschaft retten. Jesus wird täglich ermordet. Es ist modern geworden, diejenigen zu verachten, die zu verehren man vorgibt. Sieg von Propaganda.

So wie in den USA jene als angeblich unpatriotisch beschimpft wurden, die sich für die Gesundheit aller einsetzten. Bis man es Heimatschutz nannte. Und erkannte, dass diejenigen, die man als Sicherheitsrisiko verfolgte, Recht haben. Was jahrzehntelang als „kommunistisch“ diffamiert worden war, ist heute tägliche Nachricht: die größte Nation bankrott.

Die Hauptfigur der Stieg Larsson-Romane versucht, das sprichwörtliche Kind zu retten, bevor es in den Brunnen gefallen ist. Informationen als Handlungsgrundlage. Ideal. Statt Fakten solange zu ignorieren, bis die Katastrophe eingetreten ist, die man dann anderen in die Schuhe schiebt und sich über Untätigkeit mokiert. Als das, was heute Redaktionsalltag ist. Als Magazin-Journalist schreibt Mikael Blomkvist über Politik. Parteiübergreifend. Wirtschaft über Aktienkurse hinausgehend. Er blickt hinter die Kulissen, zeigt Hintergründe auf. Er hat keine Scheuklappen, läßt sich nicht durch PR blenden. Und dient damit all jenen mit echten Informationen, die sie dringend benötigen, aber nicht wertschätzen.

„Verbrechen anzuprangern kann man wohl kaum als Ausdruck von linker Gesinnung bezeichnen“, heißt es auf Seite 64 bei Larsson. 

Einer der Kernaussagen.

Die Motivation von Sicherheitsunternehmen.

Eigentlich.

Idealtypisch.

Konsequent.

Wer Hintermänner fassen will, landet aber vielleicht bei den eigenen Auftraggebern. DEA-Beamte machten die Erfahrung oft. Und so kam es zur verkürzten Schlussfolgerung, dass wer die garantierte Sicherheit und Gerechtigkeit auch tatsächlich einfordert, angeblich Staatsfeind sei. Paradox. Thema für Hollywood. Und Alltag zugleich.

Auch darum geht es bei Verblendung – Verdammnis – Vergebung.

Darum, dass Sicherheit Geld kostet. Entweder für mehr Profit. Und damit letztendlich für weniger Sicherheit. Oder für Sorgfalt. Denn richtige Informationen kann nur gewinnen, wer Zeit aufwändet. Und die kostet.

Einen Teil bezahlt in den Romanen die security-Firma mit Anspruch auf Korrektheit.

Eine Weile geht das gut. Solange, bis der Gegner übermächtig wird. Bis die Formel lautet: Salander gegen den Rest der Welt. Die Romanfigur hat nur die Wahl: tot oder kriminell. Sie darf nicht einfach nur gut sein. Inwiefern dies die Finanziers der Bücher forderten, oder ob die Phantasie des Autoren Schuld ist, wäre eine Recherchefrage.

Von SUSANNE HÄRPFER

BEHÖRDEN – MIKADO

„Der Staatsanwalt spielt mit gezinkten Karten. Ich befinde mich im Nachteil, egal was ich tue, und das Ziel dieses Prozesses ist es, mich wieder in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen.

(…) Wenn ich überleben will, muß ich eben auch mit unlauteren Mitteln kämpfen“, heißt es auf Seite 495 bei Stieg Larsson.

Im Roman erleichtert sie Wirtschaftskriminelle um deren Beute. Begeht aus Notwehr Selbstjustiz. Nur so setzt sie die Geldmengen frei, die nötig sind, um ihre Grundrechte zu wahren. Nur als cyber-Robina Hood erhält sie die Summen, um Sorgfalt und somit Gerechtigkeit walten zu lassen – erst für andere, dann für sich selbst.

Für jeden Zuschauer eine fatale Lernkurve.

Vielleicht wurde bei der Fernseh-Verfilmung dieser Aspekt

Ausgeblendet.

Der Titel wortwörtlich genommen.

Vielleicht scheuten sich die Produzenten, zu cyber-Kriminalität aufzurufen. Andererseits wird Gewalt verherrlicht. Physische rohe Gewalt. Das ist unlogisch. Denn auf diese Weise wird in den Verfilmungen das verstärkt, was in der Geschichte der Bücher der Hauptperson an Leid zugefügt wird. Zuviel Gewalt verharmlost. Denn dann ist der reale Hintergrund nicht mehr erkennbar. Die Parabel auf reale Geschehnisse nicht mehr als solche erkennbar. Die Aussage wird unglaubwürdig. Und damit eine Chance vertan. Aufklärung. Mobilisierung. Die Magie geht verloren. Die Sprengkraft. Denn eigentlich ist Stieg Larsson ein Schlüsselroman. Die Handlung basiert auf tatsächlichen Ereignissen, beschreibt was wirklich passiert (ist). Im realen Leben aber ist die Gewalt subtiler. Das „Volksgefängnis“ besteht im Alltag in Worten. Und Paragraphen. Schreibtischtäter. Machen Mundtot. Verüben Unrecht. Gewalt. Schwer nachweisbar. Und schwierig, in Bilder umzusetzen. Wenn Überlebenskampf nicht in wilden Verfolgensjagden und gehetztem Laufen besteht. Sondern vielmehr im Gegenteil. Im Stillstand. Formblatt 47 grün statt Walter PPK. Diejenigen, die helfen sollen, tun nur so als ob. Surimi-Unterstützung. Alleingelassen mit Hilfs-Parasiten. Darin kann Gewalt auch bestehen. Angriff, getarnt als vermeintliche Hilfe. Fürsorge-Schlingpflanzen. So werden Menschen auch zerbrochen. Mehrfrontenkampf. Wenn es keine Möglichkeiten gibt. Den unsichtbaren Schrecken sichtbar zu machen. Der Behördenwillkür ein Gesicht zu geben.

Blinder Fleck. Der schmale Grat. Keine Verklärung. Keine Sozialromantik. Hohe Kunst. Statt Laufen und Ferrari-Fahren ein Wettrennen gegen die Zeit. Wie setzt man das in Bilder um? Eine Herausforderung für frustrierte und ehrlich engagierte Werbe-Filmer? Flucht und Kampf um´s Leben – und das im öffentlichen Nahverkehr. Wer eine Fahrt für € 1, 80 dennoch adäquat visuell umsetzen will, braucht ein Millionen-Budget. Um nicht selbst auszubeuten. Auch das ein Paradoxon. Vielleicht hätte Stieg Larsson dennoch mit einer Südost-Asiatin besetzt werden sollen. Die Go spielt. Alle Steine sind durch die Gegnerischen eingemauert. Doch die klügere Konstellation siegt. Vielleicht wäre das der Anfang des follow ups. Behörden-Mikado. Makro Aufnahme. Ein Go-Stein. Belauert die Hauptdarstellerin.

James Bond auf Hartz IV.

VON SUSANNE HÄRPFER