„Der geheime Krieg in Norwegen“

Doktorarbeit in acht Sprachen 

Von Susanne Härpfer

„Der geheime Krieg in Norwegen“ ist der Titel des Kapitels, in dem eine Kampfeinheit Norwegens beschrieben wird, die offiziell nicht existiert.

Das Kapitel ist Teil des 445 Seiten langen Buchs „NATO Geheimarmeen in Europa“, das im Orell Verlag in Zürich erschienen ist. Es ist aktueller denn je. Auf 19 Seiten ist darin zusammengefasst, unter welchen Namen die Kampfverbände erst geführt, dann offiziell geleugnet, doch im Nachhinein stets bestätigt wurden.

Der Direktor des Europainstitutes der Universität Basel schreibt im Vorwort: „Die Forschung zum Buch basiert auf einer Doktorarbeit.“ Das Werk wurde in acht Sprachen übersetzt. Anfangs habe es nur ein einziges historisches Originaldokument gegeben, das die Spezialeinheit und deren Deckname belegte. Quellenverzeichnis, Index und Bücherliste umfassen inzwischen 50 Seiten. Umfangreiche Belege für ein Netz, dessen Existenz geleugnet wurde:

„Die ernsthafteste Bedrohung zur völligen Aufdeckung der norwegischen Gladio kam 1978, als ein norwegischer Polizist, der nach illegal hergestelltem Alkohol fahndete, über ein großes unterirdisches ROC-Waffenversteck stolperte, das mindestens 60 Waffen enthielt, darunter viele Maschinengewehre, 12000 Schuß Munition, Sprengstoffe und komplizierte Kommunikationsgeräte. Weil er nicht wusste, daß ein stay-behind-Netzwerk existierte, meldete er seinen Fund, und die Nachricht gelangte an die Presse.

„Wäre der Polizist vom Geheimdienst vernommen worden, wäre das Ganze wahrscheinlich vertuscht worden“, argumentierte 1990 der Wissenschaftler Nil Gleditzch vom Internationalen Institut für Friedensforschung in Oslo.

„Die norwegischen Journalisten Ronald Bye und Finn Sjue wollten mehr Einzelheiten über die norwegische Gladio wissen, und da es keine parlamentarische Untersuchung gab, interviewten sie zahlreiche ehemalige Angehörige des Geheimdienstes und veröffentlichten 1995 ihre Darstellung der norwegischen Geheimarmee unter dem Titel „Die geheime Armee Norwegens – Die Geschichte der Stay-behind.“

Die Einheiten wurden immer wieder umbenannt, sie existierten aber kontinuierlich. Das Buch gibt den Stand von 1995 wieder. Aktuelle Informationen über die letzten zehn Jahre müssten die Autoren, Mitglieder der teams, Archive in Großbritannien, den USA, Belgien und Norwegen sowie Regierungsstellen haben. Die Historiker Olav Riste und Arnfinn Moland vom Internationalen Institut für Friedensforschung in Oslo sollen nicht nur Archivmaterial ausgewertet, sondern auch mit Beteiligten und Informierten gesprochen haben.

In Norwegen entstanden Gruppen ursprünglich als Widerstand gegen deutsche nationalsozialistische Besatzer.

Daraus entwickelten sich Einheiten, von denen einige (im Rahmen der) NATO kooperierten, manche eine public-private-partnership gründeten. Aus der ursprünglichen Motivation, gegen Nazis zu kämpfen, wurden streng anti-kommunistisch ausgerichtete Verbände:

„aus ausgewählten Branchen mit dem Einverständnis norwegischer Industrieller unter der Leitung des NIS (Norwegischer Geheimdienst Norwegian Intelligence Service; Einschub) ausgebildet wurden und sich zum Schutz vor „subversiven (kommunistischen) Aktivitäten in bestimmten Branchen nach Art der fünften Kolonnen bereithielten,“ heißt es auf Seite 279.

Zehn Seiten weiter wird die Zusammenarbeit präzisiert: „Die norwegische Geheimarmee arbeitete wie die meisten Gladio-Armeen in Europa eng mit den britischen SAS-Spezialeinheiten und den amerikanischen Green Berets zusammen, da die norwegischen Gladiatoren in den USA und in England trainierten. Major Sven Blindheim, ein wichtiges Mitglied der norwegischen Geheimarmee, war selbst viele Jahre lang Ausbilder im „Kindergarten“, dem Trainingszentrum der Briten in fort Monckton in Großbritannien, wo auch die italienischen Gladiatoren ausgebildet wurden.“

Was die Soldaten und Agenten auch lernten, beschreibt Daniele Ganser in „NATO Geheimarmeen in Europa. Er beruft sich auf Originalquellen:

„Zwei Wochen lebten die amerikanischen Spezialeinheiten abgeschottet auf dem Land, versteckt vor der belgischen Bevölkerung, und bereiteten sich mit den belgischen Geheimsoldaten auf ihre Mission vor: den Angriff auf eine verschlafene Polizeistation in der südbelgischen Stadt Vielsalm. Heimlich schlichen die US-Marines an ihr Ziel und eröffneten das Feuer. Ein belgischer Beamter in der Polizeistation von Vielsalm wurde bei dieser Operation getötet und ein US-Marine verlor dabei ein Auge.“

„Monatelang erklärten uns zivile Behörden, dass der Angriff das Werk gewöhnlicher Krimineller oder von Terroristen gewesen sei“, erinnert sich der belgische Journalist René Haquin an die Terroraktion von Vielsalm.“

In einer Fernsehdokumentation beschreibt er heimliche Operationen amerikanischer Spezialeinheiten in Belgien:

„Sie hatten die Fenster aufgebrochen, waren in das Waffenlager eingedrungen, hatten den Wächter verwundet und waren mit einer Anzahl von Waffen geflohen. Mir gelang es ins Lager zu kommen, weil ich dort einige Leute kannte. (…)

„Die Amerikaner waren zu weit gegangen. Diese Leute waren in den Vierzigern, Offiziere, harte Jungs. Sie trieben das Spiel zu weit. Sie hatten schon zuvor Kasernen angegriffen. Sie hatten sogar eine Granate in die Nähe des Büros des Generalstaatsanwalts geworfen.“

Ein Wächter sei nach dem Anschlag gestorben.

„Die belgischen Behörden verwischten die Spuren nach dem mysteriösen Operationen in den 80 er Jahren, und heikle Fragen wurden nicht beantwortet.

Amerikanische Spezialeinheiten ermordeten belgische Polizisten. Ungeheuerlich. Weil die Schilderungen, weil der Sachverhalt so ungeheuerlich ist, nochmals zusammengefasst:

Angehörige von geheimen, aber offiziellen Kommandos verübtem demnach Anschläge, mordeten und verhielten sich wie Kriminelle und Terroristen.

Im Kapitel über Belgien wird beschrieben, wie Mitglieder des Netzes von einem englischen U-Boot an die Küste Norwegens gebracht wurden. Per Schlauchboot ging es an Land, dann „bis er Kristiansand an der Südküste von Norwegen erreichte.“

Das Netz umfasst Norwegen, Belgien, Großbritannien, Deutschland, die USA, Türkei, Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, die Niederlande, Luxemburg, Dänemark und Griechenland, und die Doktorarbeit, die als Buch erschienen ist, beschreibt es.

Der ehemalige belgische Gendarm Martial Lekeu erinnert sich:

„ich weiß, dass ich selbst berichtete, was da vor sich ging, dass man dort Morde wie diese respektiere, willkürliches Morden oder in einen Supermarkt zu gehen und dort Leute zu töten, sogar Kinder.

Ich glaube, sie töteten etwa 30 Menschen. Und ich sagte einem Mann, den ich traf: „Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Mitglieder der Gendarmerie darin verwickelt sind? Seine Antwort war: „Halten Sie den Mund. Sie wissen es, wir wissen es. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten.“

Seine Anschuldigungen wurden durch einen parlamentarischen Bericht bestätigt: „Nach dem Bericht waren die Killer Mitglieder oder ehemalige Mitglieder der Sicherheitsdienste – Rechtsextreme, die den Schutz von hoher Ebene genossen und die einen Putsch der Rechten vorbereiteten.“

Dazu gehörten auch die Morde von Brabant, eine Reihe brutaler Morde in Supermärkten in der Region Brabant, die heute als Amoklauf, Massaker oder Terroranschlag bezeichnet würden.

In einer Fernsehdokumentation schildert der Rechtsextremist Michel Libert, wie solche Überfälle vorbereitet wurden. Er und seine Gruppe habe Aufträge erhalten, Supermärkte auszuspähen: „was wir wollen, ist, dass Ihre Gruppe unter der Deckung der Gendarmerie, unter der Deckung der Staatssicherheit, einen Job ausführt. Wo sind sie? Welche Art von Schließvorrichtungen gibt es dort? Welche Sicherheitsvorkehrungen haben sie dort, die unsere Operationen stören könnte? Schließen die Geschäftsleiter sich ein? Oder nutzen sie einen externen Sicherheitsdienst?“ Die Operation war streng geheim und der Rechtsextremist Libert folgte dem Befehl: „Wir führten die Befehle aus und schickten unsere Berichte ein: Die Zeiten, wann geöffnet, und geschlossen wird. Alles, was man über einen Supermarkt nur erfahren kann. Wofür war dies? Dies war eine von Hunderten von Missionen. Etwas, das getan werden musste. Doch wozu das alles gebraucht wurde, das ist die große Frage.“

„Wenn es das Ziel war, Terror zu erzeugen“, beobachtete der Journalist Davison, „wählten die Killer perfekte Ziele aus: Frauen, Kinder und alte Leute, umgemäht durch Schnellfeuergewehre, während sie ihren Einkaufswagen durch einen vertrauten Supermarkt schoben.“ In dieser Kommandokette war Michel Libert, der Rechtsextremist der WNP, am untersten Ende. Er erhielt seine Befehle vom WNP-Kommandeur Latinaus. „Es ist klar, dass Latinus eines der interessantesten Teilchen im Puzzle ist, um die politisch-juristischen Geheimnisse der 80 er Jahre zu verstehen“, urteilten Journalisten des belgischen Magazins Avancées, nachdem sie ein ganzes Lexikon über die belgischen Terrorjahre zusammengestellt hatten. Er war, so folgerten die belgischen Journalisten, das Zwischenstück „zwischen der extremen Rechten, der klassischen Rechten und den ausländischen und belgischen Geheimdiensten.“ (…)

„Paul Latinus war ein hochrangiger Rechtsterrorist auf europäischer Ebene. Nach seinen eigenen Aussagen wurde er neben anderen Quellen vom militärischen Geheimdienst des Pentagon, der US Defence Intelligence Agency (DIA), bezahlt. Ein ehemaliger Nukleartechniker und Informant der belgischen Sureté hatte Latinus im Jahr 1967 als 17 jährigen für die DIA rekrutiert“, schreibt Ganser auf Seite 230 des Buchs über die NATO-Verbände.

Darin zeigt er auch die Spuren, die nach Deutschland führen. Er beschreibt das Netz, das Gruppen Europaweit verbindet.

Er zitiert Journalisten, die herausfanden, dass ein Belgier „ein terroristisches Netzwerk aufgebaut hatte, das aus Agenten bestand, die mit der extremen Rechten in Verbindung standen.

Sein wichtigster Gehilfe, Marc de Laever, war später einer deutschen

rechtsextremen Gruppe beigetreten.“

Vorrangiges Ziel sei es gewesen, Kommunisten zu diskreditieren.

Dafür sei auch die WNP gegründet worden, Teil einer Jugend-Organisation. In einer Fernsehdokumentation habe deren Anführer Francis Dossogne bekannt: „Ja, sie war rechtsextrem“, bestätigte er und fügte hinzu, dass es im Wesentlichen eine Jugendbewegung war, aber auch eine militante Bewegung“

Der Direktor des norwegischen Geheimdienstes Vilhelm Evang nach dem Zweiten Weltkrieg machte die Erfahrung:

„Alles war ruhig, bis zum letzten Jahr, als wir feststellen mussten, dass es immer noch Beamte bei AFNORTH gibt, die für Psywar, E&E (Evasion and Escape = Ausweichen und Entkommen) arbeiten und sich in diesem Zusammenhang daran beteiligen, angesehene Personen auf die schwarze Liste zu setzen“, erklärte Evang. „Wenn in Norwegen hochrangige Personen auf einer derartigen schwarzen Liste erscheinen, dann muß etwas falsch sein.“

Dies hat offenbar Gültigkeit bis heute.

Daniele Ganser „NATO Geheimarmeen in Europa“ Orell Füssli Zürich, sowie Frank Cass Verlag London New York und Routledge (Taylor & Francis Group) 

Dies hat die Norwegische Einheit gemeinsam mit vielen nachrichtendienstlichen Einrichtungen. Die Abkürzung der amerikanischen National Security Agency NSA wird allgemein scherzhaft auch übersetzt mit:  no such agency.