ATOMBOMBEN AUF DIE USA

Robert Jungk: „Die Zukunft hat schon begonnen“

Von Susanne Härpfer

„Die gefürchtetste Krankheit in Los Alamos ist eine „Erkältung“, die gefährlichste Unfallart, „eine kleine Brandwunde“. Hinter diesen beiden alltäglichen Krankheitsbezeichnungen verbirgt sich aber in Wirklichkeit die neue, gefährliche Giftwelt radioaktiver Überbestrahlung.“

Radioaktive Verstrahlung, getarnt durch die verharmlosende Bezeichnung „Erkältung“ – das schreibt Nobelpreisträger Robert Jungk in seinem Buch „Die Zukunft hat schon begonnen“ auf Seite 102. Geschrieben wurde es 1957; und ist doch aktueller denn je. Alles, was Jungk auf den 317 Seiten schildert, liest sich, als passiere es heute.

Verstrahlung als „Erkältung“ verharmlost – So erklärt sich auch, weshalb es angeblich wenige Opfer in Tschernobyl gegeben haben soll. Dieselben Tarnbegriffe wurden laut Jungk ebenfalls in den USA verwendet. Folglich wurden Krankenakten gefälscht. Es gibt wesentlich mehr Strahlenopfer als bislang veröffentlicht. Akten müssen vor dem Hintergrund dieser Fälschung neu und anders gelesen und ausgewertet werden.

Der Nobelpreisträger schreibt reportagig und daher leicht zu lesen, was er bei seinen Reisen in´s Land der Atomkraft sah:

„Als wir nach Las Vegas zurückfuhren, sprach niemand. Die Autos gaben keine Signale. Wir schlichen zurück wie in einem Leichenzug. Die Explosionswolke war jetzt grau und schmutzig über uns. Ein riesiges, langsam zerfallendes „W“, durch dessen Auf- und Abstrich ein silberglänzendes Kontrollflugzeug flog.“

Die ersten Atombomben wurden auf´s eigene Land geworfen, auf die eigene Bevölkerung. Sie nannten es Tests, vertuschten oft den nuklearen Hintergrund. Der Nobelpreisträger Robert Jungk beschreibt die Lügen und ihre Folgen:

„Radiumvergiftung“, hieß es, „die gelbe Krankheit.“

(…) „während ich im ersten Teil meines Trips durch das Urangebiet die „gelbe Krankheit“ noch nicht ein einziges Mal erwähnt gehört hatte, vernahm ich jetzt fast an jedem Ort, durch den ich kam, etwas davon. In der kleinen Stadt Nucla erfuhr ich von einem Manne namens Frank Wilson, der nach seiner Arbeit in einem Uranwerk ungewöhnliche Geschwüre an Händen und Füßen bekam und schließlich starb. In Uravan, wo sich eine Mühle zur Verarbeitung des Uranerzes befindet, erzählte man von einem Farmer, der prozessierte, weil sein Vieh, das nahe der Anlage graste, an einer unerklärlichen Krankheit einzugehen begann. In Naturita, wo eine andere Raffinerie in Betrieb ist, hatte ein Ingenieur seine Stellung aufgeben müssen, weil er jedes Mal, wenn er mit radioaktivem Material zu tun hatte, Krämpfe bekam. Und in Durango, wo jedermann verstummt war, als ich eine Woche vorher nach dem „Uranrausch“ gefragt hatte, öffneten sich unweigerlich die Münder aller dieser Menschen, sobald man von dem Thema der Radiumvergiftung sprach,“ heißt es bei Robert Jungk auf Seite 74. Sein Buch legt aber auch möglicherweise eine Spur in die jüngere Vergangenheit. Yellow Rain – gelber Regen wurde ein Phänomen genannt, das in Laos und Afghanistan in den 70 er und 80 er Jahren auftrat. Chemische Kriegführung wurde vermutet. Und in gewisser Weise stimmt es; denn auch Radium ist eine chemische Substanz. Niemand aber scheint auf die Idee gekommen zu sein, dass die ersten Opfer in den USA dahinsiechten. Sie starben einen stillen Tod. Denn offiziell waren sie ja nicht im Krieg. Der fand wo anders statt – an exotischen Orten. In der Heimat, in den USA wähnten sie sich in Sicherheit. Doch möglicherweise starben mindestens ebenso viele an der Heimatfront. Wirkliche „homeland security“ wäre dann Umweltschutz. Also das, was als „unpatriotisch“ verunglimpft wurde. Weshalb gesunde statt kranke Soldaten unpatriotisch sein sollen, wurde noch nicht erklärt.

microwave photographed by Susanne Haerpfer

microwave photographed by Susanne Haerpfer

Hingegen könnte das, was der Nobelpreisträger sah, noch heute den Pulitzer-Preis bringen:

„Zum Beweise wurde mir der gerade herausgekommene Bericht von P.W. Jacoe, dem Vorsitzenden einer Untersuchungskommission, vorgelegt, wo es hieß: „Arbeiter in den Minen und Werken, die Uranerze fördern oder verarbeiten, leiden an Radiumvergiftung und Silikosis. Sie legen sich keine Rechenschaft von der Gefahr der radioaktiven Strahlen ab, weil sie diese nicht sehen können. Chemiker rühren gereinigtes Uran mit nackten Händen um. Arbeiter essen in radioaktiv gewordenen Werkstätten ihren Lunch.“ (…)

„Jetzt wissen Sie vielleicht, weshalb wir der Sache nicht froh werden können“, sagte mir ein Geschäftsmann, der bei meinem ersten Besuch einfach nicht auf das Thema „Uran“ hatte eingehen wollen. (…)Etwa einen Kilometer von der Stadtgrenze entfernt sah ich plötzlich auf den Blättern eines Baumes das mir schon ganz bekannte Gelbgrün des Carnotit. (…)voll bleicher Grashalme, trocken wie Papier, die beim Anfassen zu einem giftig aussehenden Staub zerfielen.“

Wie viele Amerikaner starben an den Folgen radiologischer Vergiftung? Sei es durch Bomben, die in den USA gezündet wurden, und zwar nicht durch Terroristen, sondern durch die eigene Militärführung. Sei es durch den Bombenbau oder die Arbeit mit radioaktiven Substanzen. Oder einfach nur, weil sie das Pech hatten, dort zu wohnen, wo Abfälle abgeladen wurden.

Jungk erzählt auf Seite 101:

„Es war einmal ein Wärter aus Richland, der fand ein Werkzeug auf seinem Rundgang und trug es mit sich nach Hause, obwohl es ihm nicht gehörte“, heißt es da. „Erst am nächsten Morgen merkte er, dass seine Hände durch Alphastrahlen verseucht waren. (…) Da befahlen die Ärzte und Vorgesetzten, dass Betten, Stühle, Tische, Kissen und alles, was überhaupt beweglich war, zum Verbrennen fortgeschafft werde. Dann ließen sie die Farbe von den Wänden kratzen, die Fußböden auf- und die Ofenanlage herausreißen. Denn alles, alles war vergiftet worden.“ (…) Die Geschichte vom „weißen Mann“ ist kein zu pädagogischen Zwecken erfundenes Gruselmärchen. Sie hat sich wirklich im Mai 1951 zugetragen. Es liegen darüber in den Archiven der Atomenergie-Kommission und der „General Electric“, die im Auftrage des Staates den größten Komplex der Atomfabriken in den USA verwaltet, Bündel von genauen Berichten. Der Vorfall selbst konnte der Öffentlichkeit nicht unterschlagen werden. Es wussten zu viele Personen in der nahen Nachbarschaft des „entgifteten“ Hauses davon.“ Zeit, daran zu erinnern.

Robert Jungk: „Die Zukunft hat schon begonnen“ Bertelsmann Verlag, Alfred Scherz Verlag

Susanne Haerpfer is free lance journalist for television, newspapers, magazine (text & foto) online media and research. The rights for further publication can be bought from me, based on mutual signed agreement Susanne.Haerpfer@bits.de