photo by: Susanne Haerpfer from QE II at NY harbor

LEO MEO GEO UND EIN PIEPSENDER ERDTRABANT

Welt und Weltraum werden von den Weltmeeren aus angegriffen und verteidigt

Der Krieg im Weltraum könne von Schiffen und Plattformen geführt werden. Dies meldete der Behördenspiegel. Satelliten seien auch durch Viren verwundbar. Weltraumschrott stelle eine zunehmende Gefahr dar. Von Susanne Härpfer „Die Technologie zur Zerstörung von Erdtrabanten ist vorhanden“, meldete der Behördenspiegel bereits im September 2009. Ein Spiel mit der Doppeldeutigkeit. Die Erde kann vernichtet werden. Die Technologie für ihren eigenen Untergang haben die Erdlinge selbst entwickelt. Sie nannten es Weltraumforschung. Satelliten und Raketen sollten die unendlichen Weiten erkunden. Doch der Spruch „Mars bringt verbrauchte Energie zurück“, bewahrheitet sich leider. Die ausgedienten Satelliten, kaputte Teile und Müll düsen durch´s All. Durch die hohe Beschleunigung verwandeln sie sich in Geschosse, bedrohen Satelliten und damit auch den Planeten Erde.

Shriever Airforce base
gps headquarter on Millenniums Eve 1999-2000

Die Eiszeit könne durch einen Meteoriteneinschlag hervorgerufen worden sein, lautet eine Theorie. Heute können künstliche Meteoriten, nämlich Weltraumschrott, genauso fatal wirken. Prallten Trümmer auf große Satelliten, gerieten diese in einen Sturzflug und könnten so die Erde zerlegen. Wie im Spielfilm „Armageddon“ müsste das Unheil abgewendet werden mit der Methode „John Wayne im Weltall“: Zertrümmer die Bedrohung im All, bevor sie uns erreicht. Dazu ließ der frühere US-Präsident Ronald Reagan Weltraumwaffen entwickeln und das passende Schutzschild gleich mit: SDI hieß das Programm – Strategic Defense Initiative. Wichtige Bestandteile kamen aus der DDR, deren Forscher bewiesen, dass sie nicht nur Trabis bauen konnten, sondern auch Trabanten. Bevor der russische „Sputnik 1957 seine ersten Bahnen drehte, dachten die Amerikaner bereits darüber nach, wie sie den piepsenden Erdtrabanten und seine Nachfolger zerstören könnten“, schreibt der Behördenspiegel in seiner Septemberausgabe. Bereits 1959 hätten die USA begonnen, Anti-Satelliten-Waffen zu testen.

gps headquarter
photos by Susanne Haerpfer at NORAD

2008 geriet ein Satellit außer Kontrolle und musste gestoppt werden. Die US-Marine soll von einem Kreuzer SM-3 ABM gestartet und auf 250 km Höhe den Satelliten getroffen haben. Präsident Bush höchstpersönlich soll den Befehl zum Abschuß gegeben haben. Weshalb genau aber geriet der Satellit außer Kontrolle? Wem gehörte er und wer darf, wer muß auf welcher Grundlage über die Zerstörung entscheiden? Wenn bereits ein Nudelhersteller Schadensersatz verlangt, wird vor seinen Produkten gewarnt, werden Satellitenbesitzer- und Betreiber dies auch erwägen. Umgekehrt könnten die Erdenbewohner verlangen, vor Pfusch im All geschützt zu werden, auf dass uns nicht der Himmel auf den Kopf fallen möge. Auch deshalb müssten Satelliten „resistent gegen die hohe Schallbelastung sein“, schreibt Dorothee Frank vom Behördenspiegel. So wie einst die Trompeten von Jericho, können offenbar Töne nicht nur Gebäude zum Einsturz, Fensterscheiben zum Springen, sondern auch Satelliten zum Bersten bringen.

gps headquarter at NORAD
photos by Susanne Haerpfer at NORAD

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA, die Industrie Anlagen Bau Gesellschaft IABG, die Europäische Weltraumagentur ESA und die Deutsche Luft- und Raumfahrt DLR testen in Akustikkammern, wie viel Phonstärken und welche Frequenzen eine Schüssel aushält. Sozusagen der Heavy Metal-Test für Satelliten und deren Besitzer. Haben sie die „bad vibrations“ heil überstanden, geht´s ab in den Weltraum. Allerdings, laut Behördenspiegel haben nur noch wenige Nationen „eigene Startmöglichkeiten für Weltraumraketen“. Weshalb dies so ist, bleibt offen. Ebenso die Frage, wo es früher Starts gab und warum diese nicht mehr existieren. Haben Länder ihre Startkapazitäten outgesourct, falls ja an wen und weshalb? Weltraumbahnhöfe seien für sogenannte Anti-Satelliten-Raketen ohnehin überflüssig. Kampfjets oder Schiffe reichten für den Abschuß.

Satellites are controlled from here
Satellites are controlled from here

Damit aber stellt sich die Frage: Geht es bei den Piratenüberfällen und deren Bekämpfung eigentlich darum, solche Abschussrampen zu zerstören? Geht es beim Kampf auf den Weltmeeren in Wirklichkeit um die Zerstörung von Satelliten und die Vorherrschaft im Weltraum? Wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, werden Welt und Weltraum in Somalia verteidigt? Entwickelt deshalb Malaysia ein eigenes Satellitensystem; mit dem auch die Malacca Strait kontrolliert werden soll? Das global positioning system gps wurde bei der US-Marine entwickelt. Werden die jetzigen Satellitensysteme dorthin zurückverlegt? Auch aus völkerrechtlichen Gründen? Die Weltmeere sind, zumindest juristisch betrachtet, noch Niemandsland, exterritoriales Gelände – für einen Kampf um den Weltraum also ein Startvorteil.

All satellites are controlled from here
All satellites are controlled from here

Auch von militärischen Plattformen könnten Killer-Satelliten gestartet werden, schreibt das Behördenblatt. Können dann auch Ölplattformen für einen launch von Raketen genutzt und missbraucht werden? Sind auch deshalb die Gewässer Nigerias so umkämpft, ebenso wie die Felder Iraks. Anders als der ferne Weltraum, seien Abschussrampen auf der Erde für Terroristen leicht zu erreichen, heißt es im Behördenspiegel. Sollte dies stimmen, wäre es ein Skandal. Weshalb aber sollen welche Bodenstationen leicht kaperbar sein? Gab es bereits solche Vorfälle? Ging es bei Geiselnahmen in Nigeria und anderen Ländern genau darum; um den Krieg der Sterne, aber weitgehend ohne Zuschauer? Oder soll auf diesem Weg ein neues „threat theater“ im doppelten Wortsinn eröffnet werden, ein neuer Kriegsschauplatz. Soll durch diesen Nebensatz in einer Fachzeitung die Debatte eröffnet werden, um mehr Beamte und Budget, um mehr Auslandseinsätze, um militärisches Engagement auf den Weltmeeren und –raum? Oder sollen im Gegenteil die Weltraumbahnhöfe und andere aufwändigen Zentralen geschlossen werden?

Cheyenne Mountains
by Susanne Haerpfer

Immerhin ist bislang die Zentrale des amerikanischen gps bei Norad auf dem Gelände der Shriever Air Force Base bestens geschützt und keineswegs für Terroristen leicht zu entern. Formiert sich eine Lobby, die Satelliten-Abwehrtechnik auf Schiffe und Plattformen verlagern will? Soll an den bestehenden Einrichtungen gespart werden? Mit welchem Nutzen? Was ist tatsächlich sicherer? Wem nützt was? Oder ist der geschachtelte Satz anders zu lesen: „Eine weitere Bekämpfungsmethode besonders der Aufklärungssatelliten konzentriert sich auf die Bodenstationen, die in weitaus geringerer Anzahl vorhanden sind als die Satelliten und zudem auch für nicht-militärische Akteure etwa aus dem terroristischen Umfeld leicht erreichbar bleiben.“ Bedeutet dies, Aufklärungssatelliten sind in Wahrheit executive satellites, also Killersatelliten? Weitere Ungeheuerlichkeiten weiß das behördliche Blatt zu berichten: „Die Möglichkeiten reichen hier von „klassischen“ Bomben bis hin zu Computerangriffen, bei denen etwa Viren auch zu den Satelliten übertragen werden könnten.“ Was den heimischen pc zum Absturz und auf diese Weise den Besitzer zum Verzweifeln bringt, soll auch Satelliten in´s Trudeln und die Welt aus den Fugen geraten lassen? Ein Horrorszenario für Hollywood, aber veröffentlicht in „Deutschlands größter unabhängiger Zeitung für den Öffentlichen Dienst“ (Eigenwerbung). Wenn es so leicht möglich ist, Viren zu übertragen, welche Beispiele gibt´s? Was heißt dies für die Entwicklung von Satelliten? Wieso wurde dies nicht vorher bedacht? Oder haben die Konstrukteure diese Schwachstelle absichtlich gelassen, um immer wieder nachrüsten zu müssen, die Kosten in die Höhe zu treiben? Quasi eine Sollbruchstelle, ein inhärentes Manko, das bedauerlicherweise bei Kalkulation und Genehmigungsverfahren übersehen wurde? Ingenieure, die es nicht erzählten, weil sie nie danach gefragt wurden?

Millennium bug

US-Civil air Defence

Vor allem aber, was heißt dies für andere Anwendungen, z.B. für Passagierflugzeuge? Wenn Viren Satelliten abstürzen lassen, dann müsste dies auch Flugzeuge gefährden. Handelt es sich bei dem Boeing Absturz in Wahrheit also um einen Virus? Um einen Eingriff in´s Bordsystem? Bestenfalls um eine elektromagnetische Unverträglichkeit (EMV), bei der sich Technik gegenseitig stört ohne Sabotage, Terroristen oder andere Fremdeinwirkung? Oder sollten ausgerechnet Zivilmaschinen besser geschützt sein als Militärsatelliten? Weil die Betreiberkonsortien um die Probleme und die rechtlichen Konsequenzen wissen? Amerikanische Fachanwälte für Luftfahrtfragen würden Milliarden erklagen, könnten sie nachweisen, dass Viren Flieger abstürzen lassen. Was bedeutet dies für die Aufgabe des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), die Satelliten für Galileo und SAR Lupe auf EMV-Härte zu testen und wie geschieht dieses? James Bond muß offenbar das nächste Mal nicht nach Bregenz, sondern nach Bonn. In „You only live twice” greift Bösewicht Blofeld per coupling in die Steuerungssysteme der Bordcomputer ein und entführt so amerikanische und russische Raumschiffe. War Ian Flemming besonders weitsichtig, oder sind die Filmplots längst Wirklichkeit. Gab es solche Störmanöver bereits, und ist die Erde im vergangenen Jahr nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt? In „Der Morgen stirbt nie“ manipuliert Medienmogul Carver die Satellitennavigation, um den Seekrieg zu entfesseln, über den seine Sender dann berichten. Seine Gegenspieler wiederum stören seinen Kommunikationssatelliten. Auch im richtigen Leben sollen diese besonders gefährdet sein. Jedenfalls nach Darstellung des Behördenspiegel. Die Kapazitäten der Streitkräfte seien nicht ausreichend, heißt es da. USA und Deutschland müssten auf zivile (Kommunikations-) satelliten zurückgreifen.

hide out for Nuclear Winter
hide out for Nuclear Winter

Wie verwundbar ist Deutschland? Wird zwar viel über Sicherheit geredet, aber in Wahrheit ausgerechnet auf dem wichtigsten Gebiet gespart? Blieben im Ernstfall die Leitungen tot, könnte noch nicht einmal James Bond mehr telefonieren? Oder soll das alte Bedrohungsszenario der „critical infrastructure“ wiederbelebt und mit einem „spacigen image“ mehr Steuergelder locker gemacht werden? Immerhin findet sich der Hinweis unter der Überschrift „Beschaffung Wehrtechnik“, ganz so, als sollte Bundestagsabgeordneten der Wunschzettel präsentiert werden. Wie genau sind die Vorgaben für die Entwicklung von Kommunikationssatelliten, wo liegen die Gewinnmargen, was geht zu Lasten der Sicherheit? Was bedeutet dies für den Behördenfunk, was heißt dies für Tetra? Wenn private Anbieter hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, die von nationalem, ja globalem Interesse sind, wie ist dies geregelt? Geht es gar nicht darum, örtliche Feuerwehr und U-Bahnfahrer mit neuen Geräten auszustatten, sondern darum, ein weltweit umspannendes, einheitliches Kommunikationssystem zu entwickeln? Und was wiederum bedeutet dies für die Sicherheit, für Abhörschutz auch gegenüber befreundeten Staaten? Was bedeutet dies für den Kampf um Frequenzen? Immerhin hätten die USA beinahe die Frequenzen ihres nationalen Navigationssystems gps verloren, weil private Betreiber von Kommunikationssatelliten diese beanspruchten. Oder wäre der Verlust dieser althergebrachten Frequenzen kostengünstiger gewesen, als permanent nachzurüsten und zu Modernisieren? Wer darf, wer kann die Kommunikationssatelliten in welchen Fällen auf welche Weise ausschalten? Wenn Schall Satelliten den Garaus machen können, sind Akustikwaffen dann Weltbedrohend? Die vermeintlichen „non lethal weapons“ in Wahrheit gefährlicher als Neutronenbombe oder Laser?

NORAD
NORAD

Auch eine Atombombe im All könnte Satelliten lahm legen, doch dann wäre die Erde gleich mit perdu. Die Welt ist scheinbar nicht genug. Es muß auch noch der Weltraum sein. Die „Detonation einer Nuklearwaffe in der Atmosphäre“, würde „zu einer Ausschaltung aller im LEO befindlichen Trabanten“ führen. „Da hiervon aber auch eigene Satelliten betroffen wären, ist eine solche Maßnahme kaum vorstellbar“, heißt es lakonisch im Behördenspiegel. Ist dies mehr Wunsch, Hoffnung tatsächlich vorhandener Pragmatismus oder zynisches Alibi, um möglichst vielen Nuklearwaffen und Raketen verkaufen zu können? Je mehr Atombomben es gibt, desto weniger seien interessiert daran, diese einzusetzen; das Gleichgewicht des Schreckens in neuem Gewand. Wortspiel mit den alten Begriffen: Früher hießen die Staaten der Sowjetunion und ihrer Verbündeten Satelliten. Heute sind es dieselben Akteure, für die manche gern Raketen und Radiologische Waffen verkaufen würden. Oder gibt es eine Doktrin für den Fall des atomaren Schlagabtausches, ab einer gewissen Stufe, „dem Sieger“ nicht die Erde zu überlassen, sondern Welt und Weltraum zugleich zu sprengen?

Last Exit befor dooms day

Last exit befor dooms day

Damit es nicht so weit kommt, beobachten US-Militärs vom Atombunker Norad in den Cheyenne Mountains aus, jeden Krümel, der im Orbit kreist. Mehrere hunderttausend soll es geben. Bruchstücke in Briefmarkengröße wirken immerhin noch wie eine Handgranate und können so eine Katastrophe auslösen. Größere Teile sind registriert, 14.000 von ihnen als „Objekte“ registriert. Was aber davon ist Schrott, was eigentlich ein Minisatellit? In der Schiff-Fahrt wird unterschieden zwischen Booten und schwimmenden Objekten. Schiffe unterliegen dem Seerechtsübereinkommen (SRÜ), schwimmende Objekte hingegen dürfen mehr. Handelt es sich bei den „Objekten“ also tatsächlich um debris, wie der Abfall auch genannt wird. Oder wurden Satelliten so konstruiert, dass Teile abfallen müssen bzw. als eigenständige Parts in die Umlaufbahn geschickt? Falls ja, zu welchem Zweck? Als Sensor? Zur Beobachtung? Als Waffe? Weshalb verwendet man dann nicht dieselbe Methode, um Satelliten sich vor Ort selbst zerstören zu lassen. Binäre Kampfstoffe fügen Komponenten zusammen, bestimmte Materialien könnten sich unter gegebenen Umständen auflösen.

by Susanne Haerpfer on Millenniums Eve 1999-2000

Wird gerade die Miniaturisierung im Orbit betrieben? Sind die immer kleineren und leistungsfähigeren Mobilfunkgeräte ein spin off der Weltraumforschung? Wurde die Nanotechnik auf Kommunikationssatelliten übertragen? Fliegen Sensoren und andere Bestandteile als flying objects durch´s All und bilden quasi einen Schwarm? Nanotechniker sprechen von self assembling objects, die sozusagen selbst Produkte und Gebilde formieren. Gibt es diese längst im Weltraum und sind sie deshalb in Datenbanken registriert. Während selbst in Fachdiskussionen in der Öffentlichkeit noch immer so getan wird, als sei dies ferne Zukunftsvision. Werden im Weltraum – wie bereits in anderen Technikfeldern zuvor – vollendete Tatsachen geschaffen? Bis die Erdenbürger aufwachen, gibt es die Technik längst und ist nicht mehr rückholbar. Einzelkomponenten sind leichter ersetzbar. Auf den ersten Blick sind die kleine Teile auch nicht so gefährlich wie große Trümmer. Nach SDI war der Krieg der Sterne lange kein Thema mehr. Wird jetzt eine Gefahr, die lange totgeschwiegen wurde, endlich öffentlich gemacht? Oder ist die Bedrohung durch Weltraumschrott gerade opportun? Wird die debris-Debatte jetzt so gehypt, um auf diese Weise eine Akzeptanz für Nanotechnik zu erzeugen? Was ist das kleinere Übel? Den Mann im Mond zu vermüllen mit Satellitenschrott? Oder die Milchstraße zu vernebeln mit Nano-Teilchen? Weil sie so klein sind, sind sie auch schwerer detektierbar und können so leichter unbemerkt die vitalen Funktionen von Satelliten außer Kraft setzen; oder wie Nachfolgemodelle genannt werden mögen. Aufklärung, Abtasten, Auswerten, Abwehr – diese Aufgaben werden bleiben und sind durch die smarten Winzlinge nach wie vor attackierbar. Die Angreifer schrumpfen, die Gefahr aber wächst.

read also: https://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,druck-418813,00.html http://www.br-online.de/wissen/weltraum/weltraumschrott-weltraum-schrott-ID1201709383383.xml