Zu Ehren von Michael Kalashnikov ist in der jetzigen Ausgabe des Spiegel ein Artikel erschienen. Aus diesem Anlaß, hier zur Erinnerung: 

© Tages-Anzeiger; 2002-11-13; Seite 7
Ausland
Feuerwasser statt Feuerwaffe
Die ganze Welt kennt seine Waffe. Doch wer kennt sein Gesicht? Der Erfinder
der Kalaschnikow lebt in der russischen Provinz und verdient sein Geld mit
der Herstellung von Wodka.
Von Susanne Härpfer
«Wer ist der Dalai Lama?», fragt Michail Timofejewitsch Kalaschnikow und
schüttelt den Kopf. Der Erfinder des Maschinengewehrs, das seinen Namen
trägt, hat schon einige Staatsmänner getroffen. Aber von dem geistigen
Oberhaupt der Tibeter hat der 82-Jährige noch nichts gehört. Dabei hätten
sich die beiden bestimmt viel zu sagen: über Krieg und Frieden, über die
Selbstbestimmung eines Volkes, über die Natur, die Berge und über Technik,
die Begeisterung an allem Mechanischen. Sie würden viel lachen, die beiden
Männer, die auf den ersten Blick so gegensätzlich scheinen.
Bis 1990 abgeschottet gelebt
Abseits der offiziellen Termine wird Michael Kalaschnikow lebendig. Da
erwacht der kleine Junge in ihm, der Bastler, der neugierig auf die Welt
ist. Erst seit 1990 darf der Waffenentwickler reisen. Bis dahin lebte er als
Geheimnisträger abgeschottet in Ischewsk, der heutigen Hauptstadt der
GUS-Republik Udmurtien. Alle Welt kannte seine Waffe, aber nicht sein
Gesicht. Noch nicht einmal sein Nachbar durfte wissen, wer er war. «Reisen
ist meine Akademie», sagt der Konstrukteur, der als eines von 18 Kindern in
Kurja in der Altai-Region in einer einfachen Bauernkate zur Welt kam.
Traurig macht ihn, dass er zweimal die Einladung Fidel Castros nicht
annehmen konnte. Den würde er so gerne kennen lernen, weil er für sein Volk
gekämpft habe.
Da ist es, sein Motiv: das Wort, das heute so sperrig klingt, altmodisch,
fast fragwürdig – Vaterlandsliebe. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen
Maschinengewehre, die Russen nicht. Kalaschnikow wollte sein Land
verteidigen. Die Chance kam für den Oberfeldwebel ausgerechnet, als sein
Panzer durch Deutsche zerstört und er verwundet wurde. Im Hospital hatte er
Zeit, sich Gedanken zu machen. «Die Deutschen sind also schuld, dass ich
Militärkonstrukteur geworden bin», sagt er und hat die Lacher auf seiner
Seite.
Als Tüftler ausgelacht
Früher, da wurde über ihn gelacht. Früher, als er noch ein kleiner
Mechaniker war. Als Soldat entwickelte er ein Gerät, das die Motorstunden
von Panzern aufzeichnet. Doch als er die ersten Skizzen seinen Kameraden
zeigte, lachten sie ihn aus. Anfangs nahm ihn keiner ernst, noch nicht
einmal er selbst. Aber er machte weiter. Aus Ehrgeiz. Weil er keine
Alternative sah. Weil er ein Tüftler ist, der im Krieg eben Waffen
entwickelt. Sein erstes Modell entstand in einem Eisenbahndepot in
Kasachstan. Die Waffe wurde verändert, Experten vorgestellt und – abgelehnt.
Michail Kalaschnikow war trotzdem stolz und ist es bis heute. Denn immerhin
hatten richtige Fachleute seine Idee begutachtet. Solche, die damals einen
Namen hatten. Damals hatte Kalaschnikow einen Minderwertigkeitskomplex. Als
er gelobt und zur Ausbildung nach Moskau geschickt wurde, freute er sich.
Deshalb werkelte er weiter an seiner Erfindung, einem Maschinengewehr; auch
als der grosse vaterländische Krieg längst vorüber war. Er verschwieg seinen
Vorgesetzten, dass seine Eltern durch Stalin vertrieben wurden, verschwieg,
dass ein Bruder neun Jahre Zwangsarbeit leisten musste. Dafür bekam er seine
Chance. Sein Prototyp wurde durch Wasser und Schlamm gezogen, auf harten
Boden geworfen, dann war es so weit: Am 20. Februar 1947 begann in der
staatlichen Waffenfabrik Ischmasch die Serienfertigung des
Maschinenkarabiners, der als AK 47 berühmt wurde (Automat Kalaschnikow, 1947
konstruiert).
Perfekte Waffe erleichterte das Töten
Kalaschnikow hatte die perfekte Waffe erfunden. Einfach zu bedienen. Eine
Waffe, die in keinem Klima versagte. Deren Einzelteile beim Reinigen nicht
so leicht verloren gingen. Das AK 47 war der Quantensprung im Schnellfeuer,
mit ihm konnten Soldaten achtmal mehr gezielt feuern als mit anderen Waffen
des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Kalaschnikow hatte das Töten erleichtert.
Und hatte Erfolg. Das erste Mal in seinem Leben. Er schuf einen Mythos.
1949 führte die Rote Armee das AK 47 offiziell ein. Der Siegeszug um die
Welt begann. Weltweit sind rund 70 Millionen Exemplare im Umlauf. So genau
weiss es niemand, denn das AK 47 ist oft kopiert worden. Eine
Liebeserklärung für ihren Erfinder, der heute kein Minderwertigkeitsgefühl
mehr hat. Er hält seine Kalaschnikow für unübertroffen. «Bis heute warte ich
darauf, dass eine bessere Waffe auf den Markt kommt», und fügt verschmitzt
hinzu: «Am liebsten von mir.»
Die Waffe umgab zunächst der Nimbus des Geheimen. Nur wenige Exemplare waren
der CIA und anderen Geheimdiensten bekannt. Erst beim Vietnam- und
Sechstagekrieg wurden viele Waffen erbeutet und bewundert. Eine Kalaschnikow
zu besitzen, galt fortan als besondere Auszeichnung. Das AK 47 wurde
verändert, andere Modelle kamen auf dem Markt und wurden zum Synonym für
Terror: Ägyptens Premierminister Sadat wurde mit einer Kalaschnikow
erschossen. Die Baader-Meinhof-Gruppe kombinierte das AK 47 mit dem Roten
Stern für ihr Emblem.
Kalaschnikows sind bis heute modern: Als Vertreter der Hilfsorganisation
World Vision im Sudan entführt wurden, trugen die Geiselnehmer natürlich
eine Kalaschnikow. Der dem Schrecken seinen Namen gab, mag die Fragen nach
seinen Gefühlen, nach seiner Verantwortung nicht mehr hören. In seinen
Büchern habe er alles gesagt. «Ich bin den Weg eines Waffenschmieds
gegangen, und ich weiss, ich bin zu weit gegangen. Aber es führte auch kein
Weg zurück.» Diese nachdenklichen Sätze sagt er nicht mehr. Im Gegenteil –
mittlerweile distanziert er sich sogar von den leisen Tönen, die er in einem
Dokumentarfilm äusserte. Dort verglich er seine Kriegsverletzung mit dem
Schmerz, den er fühle, wenn mal wieder mit einer Kalaschnikow gemordet
wurde. Heute wiederholt er nur, dass er mit seiner Waffe russischen Soldaten
beim Kampf gegen die Nazis helfen wollte. Kalaschnikow blieb aber
Waffenkonstrukteur, als es längst keine Nazis mehr gab.
Ausgerechnet gegen russische Soldaten wendete sich seine Waffe – in
Afghanistan. Das ist für ihn nur ein bedauerlicher Querschläger. Und das,
obwohl er im Beirat der «Eminent Persons Group» ist, die für die Kontrolle
von Kleinwaffen eintritt. Im Gespräch distanziert er sich zunächst von der
Gruppierung, will sie noch nicht einmal kennen. Dann sagt er, dass er
Alters- und Gesundheitsgründe angeführt habe, um nicht aktiv mitzumachen.
Schliesslich gesteht er den Kleinwaffenkontrolleuren ehrenhafte Ziele zu.
Seine Kalaschnikow sollte sich nur in den Händen von Armeen befinden. Die
Frage scheint ihm peinlich zu sein. Warum? Hat es mit seinen zwei
gedrungenen Begleitern zu tun, die mehr wie Bewacher aussehen? Immerhin
bedeutet ein Dritter, der Dolmetscher, diplomatisch, keine politischen
Fragen zu stellen.
Statt Geld Auszeichnungen
Heute lebt er in einer kleinen Plattenbauwohnung in Ischewsk von rund 60
Franken im Monat – aber das als Ehrenbürger. Sein amerikanischer Counterpart
Eugene Stone wurde mit seiner Erfindung des M-16-Gewehrs Millionär. «Aber er
erhielt keine Auszeichnung von seiner Regierung. Ich hingegen bin zweifacher
Held der sozialistischen Arbeit, bekam dreimal den Lenin-Orden und 1971
sogar den Doktortitel für Technische Wissenschaften», ruft Kalaschnikow
stolz. «Ich möchte nicht mit ihm tauschen.»
Weil man aber vom Titel «Held der sozialistischen Arbeit» nicht leben kann,
baut er bis heute mit seinem Sohn hauptsächlich Jagdwaffen. Nebenher
entwickeln beide nützliche Gerätschaften wie einen neuen Feuerlöscher,
Rasensprenger und Garten-Bewässerungsanlagen. Die Haupteinnahmen aber
erzielt er nicht mehr mit Feuerwaffen, sondern mit Feuerwasser: er lässt
«Wodka Kalaschnikow» produzieren; auf dem Etikett prangen Waffe und
Konterfei des alten Helden der Sowjetunion.
Vielleicht kann Michail Kalaschnikow bald sogar ohne Einladung nach Kuba
fliegen: Ende Mai erhielt er die Lizenzrechte für seine Erfindung
zugesprochen.
BILD G.GALPERIN/SYGMA/DUKAS
Michail Kalaschnikow bei einem Besuch in der Waffenfabrik Kalaschnikow an
seinem Wohnort Ischewsk.

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PS: WAS IST TÖDLICHER? EIN AKTENZEICHEN ODER…?