Jahrestag der Anschlaege des 11 September

Anlaß, sich mit dem Ort zu beschäftigen, der möglicherweise das missing link sein könnte, die Wiege des Terrors gewissermaßen – ein bosnisches Flüchtlingslager in Pakistan. Susanne Härpfer war da. 1993/1994 war sie in Pakistan und berichtete für mehrere deutsche Tageszeitungen. Doch niemand interessierte sich damals für das bosnische Flüchtlingslager, das sich außerhalb der Hauptstadt Pakistans Islamabad befand. Möglicherweise fatal. Denn dort könnte vor 15 Jahren das entstanden sein, was heute die westliche Welt beunruhigt. Stacheldraht umzäunte fünf Wohnblocks. Überall standen mit Gewehren bewaffnete Polizisten umher. Aufseher Oberst Altafs Begründung: dies diene nur der „Sicherheit“ und der „Fürsorgepflicht“. Er gab zu, er achtete darauf, daß „unsere Flüchtlinge nicht zuviel Kontakt zur Bevölkerung haben.“ Ursprünglich sollten sie sogar noch mehr isoliert werden. Der pakistanische Militär wollte die bosnischen Flüchtlinge in einem Camp in den Bergen in Manzera unterbringen; angeblich, „weil das Klima für Europäer dort besser sei.“ Manzera ist nur über eine kleine Bergstraße zu erreichen, drei Autostunden von Islamabad entfernt; auf 1600 Meter Höhe. Deshalb wehrten sich die Bosnier mit Erfolg gegen diese Umsiedlungspläne. So konnten sie immerhin einmal am Tag, immer um zwei, mit dem Bus in die Altstadt Rawalpindi fahren – allerdings nur mit Erlaubnis der Lagerleitung, und abends um sechs mussten sie wieder zurück sein. Nur unter Aufsicht war ein Besuch des Lagers möglich. Eine kroatische Ärztin führte durch die Räume. An den Wänden selbstgemalte Bilder, Poster von pakistanischen Filmstars und Zettel mit Sprüchen in krakeliger Schrift: „Allah ist groß“ und „Islam ist unsere Religion“, aber auch: „Wir kommen zurück zu Dir, Bosnien“. In Bosnien hatten die Frauen gearbeitet, jetzt beschäftigten sie sich nur noch mit Hausarbeit. Doktor Sabina rief einige der Kinder zusammen: Die Mädchen sahen in ihren Jeans und Pullovern aus wie Teenager überall in Europa. Doch auf Geheiß der Lagerleitung sollten sie sich traditionelle Tracht anziehen. Sieben Mädchen kicherten verlegen, beratschlagten sich und verschwanden dann im Nebenraum. Nach einer halben Stunde kamen sie wieder herein – in weiten blauen, gelben und violetten Röcken, weißen Blusen und dunkelroten Samtboleros mit Brokatstickereien. Auf dem Kopf trugen sie eine burgunderrote Kopfbedeckung, die an einen Fez erinnerte. Die Tracht hatten sie selbst genäht. Die Mädchen stimmten eine bosnische Volksweise an, begleitet von einem Harmonium. Das Lied sollte fröhlich klingen, doch zwei Sängerinnen rollten Tränen über die Wangen. Erst als die Aufpasserin Doktor Sabina verschwunden ist, traute sich eine der Frauen zu erzählen: „Es war ein Schock für uns, besonders für uns Frauen, als wir hierher kamen. Immer wenn wir vor das Tor gehen, werden wir schief angeguckt wegen unserer westlichen Kleidung und weil wir kein Kopftuch tragen. Aber wir sind nun einmal Europäer und werden das auch bleiben.“ Heimlich überreichte sie einen kleinen Zettel mit Namen der Familien und die flehentliche Bitte um Hilfe aus Deutschland. Hilfe, um aus dem Camp wieder hinauszukommen. Sie hofften vergebens. Nicht eine deutsche Tageszeitung interessierte sich für das, was sich dort 1993 zusammenbraute.

Erst, wenn es zu spät ist, beginnt das Interesse. Würde heute eine freie Journalistin über ähnliche Camps in Bangladesh oder Surinam berichten wollen, vermutlich würde wieder desinteressiert abgewunken. Zu weit weg, zu exotisch, bis, ja bis die Bomben das eigene Land erreichen. SO kam der Dschihad nach Europa.

VON SUSANNE HÄRPFER

Image