ON A GLOBAL  S[C]ALE

 „Am Anfang steht der Versuch, die Ursprünge des Universums zu

ergründen, und am Ende hat man Ebay.“

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PHOTOGRAPHED BY SUSANNE.HAERPFER@bits.de

 Zwei Sätze.

Zwei Sätze, die zusammenfassen, wie es hat zur Weltweiten Finanzkrise kommen können. Und daß  „gut gemeint“ in Katastrophen münden kann.

Zugleich die Essenz meiner Besprechung des Buchs „Angst“ von Robert Harris. Ursprünglich sollte es vielen Menschen erklären, daß eine computer-software die Menschen entmündigt hat. Und dies leicht verständlich und spannend geschrieben. Damit sie lernen, inne zu halten und die Fehler zu korrigieren. Doch herausgekommen ist das Gegenteil.

Die Analyse, die Erläuterung Wurden gestrichen. Geblieben ist ein diffuses Gefühl. Von Angst. Insofern stimmt der Titel. Das ist aber auch schon alles, was übrig blieb von der guten Absicht. Hitlers „Mein Kampf“ statt „Die Bibel“. Überspitzt formuliert.

Ein Wissenschaftler des Teilchenbeschleunigungsrings CERN hat einen Algorithmus entwickelt, mit dessen Hilfe sich Milliarden verdienen lassen. Und so funktioniert´s: Die Formel steuert einen metacrawler, mit dem sich aktuelle Informationen durchsuchen lassen. Fokussiert auf Hinweise von Furcht. Furcht, die Kaufentscheidungen von Aktionen steuert. Die Formel richtet sich dabei nach Erkennungsmustern, wie sie zuvor Fachleute unterschiedlicher Fachrichtungen erkannt zu haben meinen in den Prinzipien der Chaostheorie, des Urknalls, biologischer Systeme, Seuchen, Molekularstrukturen und weitere Parameter aus anderen Lebensbereichen. Diese Parameter wurden übertragen in die Welt des Aktienhandels. Menschen denken anders als Maschinen, und sie können Informationen nur in einem bestimmten Umfang verarbeiten. Dies wird als Langsamkeit ausgelegt. Und diese wiederum als Nachteil. Dabei wäre es genau diese Zeitverzögerung, die den Menschen auch davor bewahrt, Dummheiten zu begehen.

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Langsamkeit als Vorsprung. Als assett.

 

Denn diese Zeitdifferenz gibt der Ratio eine Chance über Massenhysterie. Mit- und Verantwortungsgefühl, Instinkt sowie Überzeugung. Die Fähigkeit zur Entscheidung darüber, wie diese Faktoren zu gewichten sind, macht den Menschen zum Menschen. Das Hase-Igel-Prinzip erkennen aber nur die Wenigsten. Sie meinen, rascher reagieren zu müssen, und berauben sich genau dadurch eines Vorteils:

der Zeitvorsprung, der in der Langsamkeit liegt. Paradoxon. Aber nur vermeintlich.

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photographed by Susanne Haerpfer

Es gibt vieles, was Menschen nicht verstehen. Zu viele komplexe Sachverhalte in zu kurzer Zeit. Software sollte dabei helfen, wichtige Informationen frühzeitig als solche zu erkennen und für Entscheidungen heranzuziehen. Stattdessen wurde die software zum modernen Zauberlehrling.

 

Der Algorithmus  wurde zum Allein-Entscheider gemacht.

 

Die Deutungshoheit

und Entscheidungsbefugnis wurde an die software abgegeben.

 

Künstliche Intelligenz (KI) machte aus Intelligenz einen Dummheitsverstärker.

 

Der Mechanismus beruht nämlich darauf, daß er voraus berechnet, wie die Mehrheit reagieren wird.

Und dies wird zum alleinigen Maßstab. Self fulfilling prophecy als Diktat. Der Unterschied zwischen Diktatur und Pluralität.

 

„Wollt Ihr die totale Bereicherung?“ führt zur Armut vieler.

 

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photographed by Susanne.Haerpfer@bits.de

Dies führt in den Untergang. Vieler Menschen. Weltweit.

 

Und desjenigen, der den Algorithmus erfand. Er kollabiert. Er, der vom Saulus zum Paulus wurde, und vor dem Mechanismus warnen will, den er schuf. Doch das Versprechen des Klappentextes, davon werde das Buch erzählen, wird nicht eingelöst. Diejenigen siegen, die ihn an der Aufklärung hindern wollen. Im Buch, und damit auch in der realen Welt. Das Buch startet damit, daß der Wissenschaftler nach und nach das Fatale seiner Erfindung erkennt. Parallel wird er Opfer von Identitätsdiebstahl. Jemand anderes gibt sich für ihn aus. Doch wie dies funktioniert, wird nicht erklärt. Wer aber nicht erfährt, wie perfekt dies (auch in der wirklichen Welt) möglich ist, wird es für ein Phantasiegebilde, ein Hirngespinst halten. Und exakt dies geschieht. Im Thriller dringen Hacker in die Rechner schlecht gesicherter Arztpraxen ein, entwenden sensible Daten, reißen diese aus dem Kontext und verwenden sie für Rufmord. 

 

Doch wer diese Hacker sind, in wessen Auftrag sie handeln, all dies fehlt im Buch. Die wesentlichen Informationen, die zu dieser Geschichte gehören, wurden weggelassen. Übrig bleibt der Eindruck, der Protagonist habe sich den Identitätsdiebstahl, den Hackerangriff, die Gefahr der software  und die Intrige nur ausgedacht. Nicht ernst zu nehmen also. Kein Grund zur Sorge. Verharmlosung. Propaganda. White wash statt Aufrütteln und  Warnen. Das Buch liest sich, als hätten sich Redakteure durchgesetzt, die Fernseh-Programm senden nach der Devise: Wer zu früh kommt, den Bestraft die Quote. Massenkompatible Pseudo-Aufregung statt investigative Aufklärung.  „Angst“ liest sich, als ob nicht der Autor, der draufsteht auf dem cover, geschrieben hätte, sondern ein Schreibprogramm, ein Textbaustein-Computer. Als ob ein Witz, eine Wette sich durchgesetzt hätte. Führen wir doch Theorie und Praxis, Form und Inhalt zusammen. Wenden wir das an, worüber geschrieben wird. Übertragen wir den Algorithmus, das Prinzip der software von den Weiten des Weltraums auf die Wirtschaft, Bücher-Schreibeninklusive. Der Erfolgs-Ko-Effizient. Meinungsforschung als Meinungsmache. Copy Tests der yellow press, transferiert auf das, was sich seriös gibt und auf der sicheren Seite wähnt. Allerdings ohne dies als Mittel kenntlich zu machen. Vergleicht man den Text des Buchs „Vaterland“, mit dem Robert Harris berühmt wurde, mit dieser neuesten Veröffentlichung, dann ist nur noch das Thema geblieben. Faschismus siegt. In diesem Fallist der Diktator ein Algorithmus.Technikhörigkeit führt in den Untergang. Selbstvernichtung durch software.

Das, was im Militärischen schon längst stattgefunden hat. Publikumswirksam zu sehen in den Filmen „War Games“ Und „War games Teil 2“. Real geschehen; beispielsweise in den 80 er Jahren, als Computer meldeten, die USA hätten einen Atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion ausgelöst. Zum Glück wollte der Russische Offizier Pedrow dies nicht glauben und schaltete den eigentlich automatisch vorgegebenen Vergeltungsschlag aus. Deshalb gibt´s die Welt noch. Die Vernichtung, die den Militärs nicht gelang, weil´s noch zu viel denkende Soldaten gibt, versuchen jetzt Börsianer. 

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photo Susanne.Haerpfer@bits.de

Der Thriller beruht auf Fakten. Darauf weist die Danksagung im Anhang auch hin. Doch nur als Alibi-Kurzerwähnung; wie im Abspann von Spielfilmen. Die Handlung beruht auf wahren Begebenheiten. Das war´s. Dimension,   Tiefe – Fehlanzeige. Damit aber fehlt das Entscheidende, das Gute an der „Angst“; die Intuition, das Gefühl, das als rettendes Frühwarnsystem

funktioniert, bevor die Informationen eintreffen, die als solche erkannt werden und bestätigen: die Warnungen sind berechtigt gewesen. Das war einmal die Absicht des Autoren des Romans „Vaterland“:

Entlarven, daß der Endsieg sich als Demokratie maskieren kann.

Surimi, Schein-Pluralität – statt Mathematik und Gefühl. Das Ergebnis hat seinen Schöpfer besiegt. Die Schreibe des neuesten Buchs weist kaum noch Gemeinsamkeiten auf mit dem des ersten.  Der Text liest sich vielmehr, als ob alle Werke Grishams in ein Textverarbeitungs-Programm eingespeist worden wären, plus eine Ortsbeschreibung des amerikanischen action-Fachmanns Richard Marcinko. In der jetzigen Version siegen wie im Weltraum die Schwarzen Löcher und wie im Film „Starwars“ die „Dunkle Macht“ – Schwarze PR. Vielleicht nehmen Drehbuchschreiber für James Bond-Filme sich des Sujets an – retten Manuskript, ursprüngliche Aussage und letztendlich einmal wieder die Welt. Teil 2 von „Tomorrow never dies“. Der Medienmogul, der die Ereignisse schafft, über die er berichtet. Bond-Filme spielen mit Worten. Die Bond-Version des Robert Harris-Buchs könnte lauten:

                                                            On a global scale.

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photographed by Susanne Haerpfer

Als Anspielung an die Mehrfachbedeutung des Wortes „scale“.Ein Begriff, den Wissenschaftler verwenden für die Justierung und Kalibrierung von Messinstrumenten. Aber auch Meinungsforschungsinstitute für Fragebögen und kleine Gruppen, die als repräsentativ für den Rest der Bevölkerung genommen werden. Meinungsmache und Manipulation. Die Kraft von Gerüchten und Rufmord in Zeiten des internet. Die aber als vermeintliche Faktendaher kommen. Bzw. die Grundlage bilden, weshalb manche Aktien und Wertpapiere gekauft werden, andere nicht. Weshalb viele Menschen an bestimmte Firmen und Werte glauben. Oder nicht. Ob Unvernunft siegt, das Prinzip „Dilbert“ die Welt regiert.Feinjustierung oder Vereinfachung.Verständlichkeit oder Propaganda. Die zehn Gebote oder Groschenhefte.   .:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Angst“ – ein Thriller von Robert Harris über die Ursprünge der Weltwirtschaftskrise -erschienen im Heyne Verlag.

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