FUNKEN FLUG

STUTTGART UNTER STROM
VON SUSANNE HÄRPFER

SUSANNE.Haerpfer@bits.de

Toyota ruft Fahrzeuge zurück – Anlaß über das Thema elektromagnetische Unertraeglichkeit zu berichten –

Beim Planfeststellungsverfahren um den geplanten Bahnhof in Stuttgart sollten alle Beteiligten nach elektromagnetischer Unverträglichkeit (EMV)fragen. Geschieht dies nicht, könnten Anwohner, Baufirmen, aber auch Betreiber das erleben, was Berliner vor ihnen durchmachten. Immer, wenn ein Zug die neue Schnellbahnverbindung zwischen Hannover und Berlin entlang fuhr, fingen Bildschirme an zu flackern. Arbeiten war nicht mehr möglich, neue computer mussten gekauft werden. Das Magnetfeld der Bahn von16 2/3 Hertz verursachte die Störungen. Dies hatte auch ein Sachverständiger des TÜV bestätigt. Das Bezirksamt verklagte daraufhin die Bahn. Dennoch wies das Verwaltungsgericht die Klage des Bezirksamtes gegen diesen Bescheid nun zurück. Begründung: Die Richter erklärten, das Bezirksamt hätte die Störungen beim Bundesamt vorab anzeigen und Schutzvorkehrungen beantragen müssen. Doch beim Planfeststellungsverfahren wurden elektromagnetische Störungen nicht thematisiert. Fachleuten ist das Problem zwar bekannt, doch die Betroffenen wussten nichts davon. Experten hatten offenbar nicht daran gedacht, es vor dem Trassenbau anzusprechen und die Bahn hatte tunlichst geschwiegen. Doch nicht nur computer können gestört werden. Alle Betreiber von elektronischen Geräten können betroffen sein. Zum Beispiel die Geschäftsleute, die scanner-Kassen betreiben.Apotheken in Nordrhein-Westfalen erlebten Ähnliches, als sie neueProdukt-scanner einsetzten – dann blockierten die Wegfahrsperren der Autos, die vor der Apotheke parkten. Beide funktionierten auf derselben Frequenz. Der Hersteller der Scanner musste seine Technik ändern. Rund eine Million Verlust erlitt er dadurch, und dies, obwohl er sich an bestehende Gesetze gehalten hatte. Seine Scanner funkten auf einer öffentlichen Frequenz, die Scanner durften also – rein formal – betrieben werden. Der Schaden war dennoch da. Physik ist eben ubiquitär. Technik stört Technik, ob es nun Unternehmen paßt oder nicht. Die Rede ist von elektromagnetischer Unverträglichkeit, kurz EMV. Immer dann, wenn das Handy das Radio zum Brummen bringt, der Föhn den Fernseher stört oder derCD-Player in die Flugzeugelektronik eingreift. Jedes elektronische Teil sendet Wellen aus und kann so gestört werden und selber stören. Die Autos von heute sind voll gestopft mit Elektronik: Wegfahrsperre, Bordcomputer,elektrische Spiegel, 60 Mikroprozessoren, unzählige kleine Motoren, Senderund bis zu drei Kilometer Kabel. Und je mehr Elektronik im Fahrzeug, um so anfälliger wird es für elektromagnetische Störungen. Zuletzt hat das unter anderem Toshiba erfahren. Die Rückrufaktion ging durch die Weltpresse, vor Fukushima. Doch das Phänomen elektromagnetische Unverträglichkeit betrifft nicht nur eine Automarke. EMV zieht alle Fahrzeuge in Mitleidenschaft – auf der Straße, auf See und in der Luft. Schienenfahrzeuge aber ebenso. In Zügen sind Kabel eingebaut, es gibt Steuerungselektronik, die Geräte der Passagiere, aber auch der Bordküche, sie können mit allen elektronischen Systemen interagieren, an denen sie vorüber rauschen. So wie u.a. die computer an der Terrasse nach Berlin. Was die Berliner erlebten, kann jeden treffen, der sich im oder der Nähe eines neuen Bahnhofs in Stuttgart aufhält. In Berlin hätten auch Abschirmmaßnahmen an der Bahnstrecke vorgenommen werden können. Inzwischen gibt es neue Technik, was die eine Abschirmtechnik verhindert, hält andere Störquellen dennoch nicht ab.Entscheidend ist die Vielzahl elektronischer Quellen und wie diesemiteinander agieren. Autos, Flugzeuge und Helikopter werden auf die gängigsten untersucht in sogenannten Absorberhallen, die Millionen kosten.Dennoch traten in Toyotas, aber auch Fahrzeugen anderer Marken Störungenauf. Züge aber wurden über Jahre nicht auf Elektromagnetische Interferenzen untersucht, und dies, obwohl es dafür die Technik gäbe. Bei Experten ist das technische Wissen vorhanden, dennoch müssen oftmals ausgerechnet die wirtschaftlich Schwächeren die Konsequenzen zahlen. So sind auf den ersten Blick Produkte günstig, oder “wirtschaftlich”. Die Folgekosten kommen meist später und sind höher. Dann ist aber oftmals der Kontext in Vergessenheit geraten, der zur Kaufentscheidung führte oder zur Entscheidung, wer den Zuschlag für ein Angebot erhält. Derjenige, der auf den ersten Blick billiger ist, oder derjenige, der den realen Gegebenheiten und Anforderungen Rechnung getragen hat. Wird vorab eine Bestandsaufnahme gemacht über alle Formen von Störungen elektrischer und elektronischer Geräte, die sich in und in der Nähe von Bahnhöfen befinden und sich gegenseitig stören können? Gibt es vorab eine Bestandsaufnahmevon sogenannten “unerklärlichen” Störungen in Bahnen, die möglicherweisegar nicht so “unerklärlich” sind, sondern die Folgen von elektromagnetischen Interferenzen. wie Bahnausfälle, Störungen, nicht funktionierende Heizungen, Kühlsysteme, Bordküchen, etc. Und müssen die Produzenten und Betreiber elektrischer und elektronischer Geräte deren mögliche Wechselwirkung, gegenseitige Störung sowie deren potentieller Folgen vorab bedenken und werden dafür auch haftbar gemacht? Oder sollen wieder die Konsumenten und einzelne Bürger für das zahlen, was zuvor nicht bedacht, vertuscht und eingespart wurde? Steht das Thema elektromagnetische Unverträglichkeit (EMV) auf der Agenda des Planfeststellungsverfahrens des Bahnhofs Stuttgart? Falls nicht, warum? vgl. auch 6.3.2007 Tagesspiegel vgl. auch meinen Artikel in der Frankfurter Rundschau 12.6.2001