motto for tradition and quality and travel literature - photographed by me, Susanne.haerpfer@bits.de

motto for tradition and quality and travel literature – photographed by me, Susanne.haerpfer@bits.de

Spiegel online weist auf einen Film hin, der im 1. PROGRAMM ARD ausgestrahlt wurde:

„Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“: Mittwoch, 22.45 Uhr in der ARD

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ard-reportage-dokumentiert-missstaende-in-der-leiharbeit-bei-amazon-a-883156.html

„Der Film zeigt nicht nur das Zusammenspiel von Amazon, Arbeitsagenturen, Leiharbeitsfirma und Transportunternehmen, sondern alles, was damit zusammenhängt“, verspricht der Artikel.

Darin heißt es: „Sie eilen für einen Stundenlohn von um die neun Euro brutto durchs Lager von Amazon, um die Weihnachtsbestellungen abzuarbeiten.“

Neun Euro Stundenlohn. 

Davon können viele Autoren nur träumen. 

Neun Euro am Tag, nicht neun Euro in der Stunde, ist ein guter Verdienst vieler freiberuflicher Journalisten. 

Neun Euro am Tag bleiben, wer Glück hat. Wer das Glück hat, einen Auftrag, eine Produktionsnummer beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu ergattern. Um einen Magazinbeitrag zu recherchieren, drehen und bis zur Ausstrahlung in der ARD beispielsweise umzusetzen. Journalisten brauchen Zeit, um die Fakten zu recherchieren und sie so wasserdicht belegen zu können, daß sie einer juristischen Auseinandersetzung standhalten. Dafür benötigt man entweder das richtige Gespür und den Willen und die Hartnäckigkeit und die Ernsthaftigkeit – wer dann die Gelegenheit erhält, als Volontär in seiner 1 1/2 jährigen Ausbildungszeit sein Potential mit Ausbildung zu vervollkommnen, kann solches bereits in relativ jungen Jahren von ca. 28.

Dann folgen Berufserfahrung. Die ergeben 20 Jahre. Für´s Lebenswerk.

1989 gab´s für einen Volontär 1200 DM im Monat. Und eine Übernachtungsmöglichkeit auf 30 m 2 am Bahngleis. Trotz abgeschlossenem Studium. Man war ja sowieso selten da; entweder auf Dreh oder in der Redaktion.

Denn: es gilt, parallel zur Recherche oder danach sich ein Konzept zu überlegen, wie das, was aufwändig recherchiert wurde, so optisch umgesetzt werden kann, daß es attraktiv aussieht, und es sich möglichst viele Menschen ansehen. Das ist harte Arbeit und erfordert Erfahrung.

every travel starts at home; location scouting for oneself, photographed by Susanne.Haerpfer@bits.de

every travel starts at home; location scouting for oneself, photographed by Susanne.Haerpfer@bits.de

Dann gilt es, das Konzept drehfertig zu machen. Den Dreh zu organisieren. Schließlich dem Kamerateam die visuelle Handschrift zu vermitteln und die Interviewpartner in Schach zu halten und beim (vorbereiteten) Interview genau hinzuhören, ob die Sätze für sich genommen, auch zu schneiden und somit zu verwenden sind. Dann muß alles, was gedreht wurde, auch gesichtet werden. Und wer keine Spracherkennungssoftware hat, muß alle O-Töne von Hand abschreiben. Wer Glück hat, darf dann in den Schnitt. Wer Pech hat, trifft auf eine nörgelnde Redaktion, die zu Recht oder aus Schikane, beides ist möglich, noch zig Nachfragen und Änderungswünsche hat.

Mehrarbeit. Schmälert das Einkommen. 

Es gibt Sendeanstalten, die bezahlen die tatsächlich geleistete Arbeit, die auf Forderung der Redaktion angefallen ist. 

Es wird aber auch versucht, sich um die Bezahlung zu drücken. Pauschal-Honorare werden angeboten. Und dann landet man bei neun Euro am Tag. Wer Glück hat. Wer Pech hat, hat zwar rund um die Uhr gearbeitet, aber am Ende von sechs Wochen keinen Cent. Manche zahlen sogar noch drauf. Denn: jeder Änderungswunsch geht nach dem System zu Lasten desjenigen, der arbeitet. Kein Wunder, daß es kaum optisch hochwertige, investigative Beiträge gibt.

Qualität kann arm machen. 

Diese Erkenntnis schreibt Spiegel online auch – in einem anderen Artikel:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zahl-der-selbststaendigen-steigt-einkommen-im-niedriglohnbereich-a-883130.html

Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW zieht in einer Studie das bittere Fazit:

„Unternehmer und trotzdem arm.“

Es gilt, die beiden Aspekte zusammenzufügen.

Und den Kontext zu beleuchten.

Wie viele Autoren schuften für neun Euro in der Stunde, „um so die Weihnachtsbestellungen abzuarbeiten“? Nämlich die Bestellungen ihrer eigenen Bücher. Bei namhaften Buchverlagen gedruckt oder als e-book erhältlich. Oder im Eigenverlag herausgebracht.

Aber das bloß nicht zu laut sagen. Dann kommt eventuell jemand in der Redaktion genau das zu fordern.

Das gibt es nämlich auch. Konkurrenten wegbeißen. Regelmäßig zu beobachten in Konferenzen von Redaktionen. Redakteure und Freiberufler, die täglich in der Redaktion sind, stellen Fragen, die nicht zu beantworten sind. Fordern Ergebnisse, die nicht zu erfüllen sind. Damit die Freiberufler, die angereist sind, um ihren Themenvorschlag vorzustellen, möglichst rasch wieder verschwinden. Platzhirsche. Die Angereisten könnten ja die Privilegien und das Honorar schmälern. Wo kommen wir denn da hin. Und wer Wunder vollbringt, und die eigentlich unerfüllbaren Forderungen ermöglicht, betreibt Selbstausbeutung.

Das Honorar, umgerechnet auf die Zeit, die für das Wunder nötig ist, ergibt neun Euro am Tag. Wenn´s gut läuft. Sonst wird´s nix, oder man landet bei Schulden. … S.o.

Und: muß sich dann von Arbeitsämtern und Gerichten sagen lassen:

Wer keinen Profit macht, arbeitet ja wohl nicht als Journalist. Und wer nach dieser Logik nicht als Journalist arbeitet, hat alle bürgerlichen Rechte verwirkt. Wird behandelt wie ein Schwerverbrecher. Um dem zu entgehen, versuchen viele, zumindest einen Schutzwall aus Veröffentlichungen aufzubauen. Auch wenn sie damit nichts verdienen. Denn:

nur wer als Journalist sichtbar ist, kann nicht einfach wie in einem Dritte Welt Land weggefangen und eingesperrt werden.

Wohlgemerkt. Wir reden über Deutschland, nicht über eine Bananenrepublik.

Um so mehr: es sollte um Solidarität gehen – auf beiden Seiten. Um Verständnis. Und darum, zu überlegen, wie man gemeinsam die Situation verbessern könnte. Statt sich stets nur nach unten zu orientieren. Oder sich (an den falschen) zu rächen, und so den Kreislauf der Zerstörung in Gang zu halten. Zumindest der Aspekt des Familienbetriebs, der Solidargemeinschaft von Beschäftigten und Arbeitgeber, könnte nachhaltiger und zukunftsorientierter denn je sein.

Modern approach to what still is a type writer - photographed by: susanne.Haerpfer@bits.de

Modern approach to what still is a type writer – photographed by: susanne.Haerpfer@bits.de

Wer als solcher selbständiger, einzelner Freiberufler Unterstützung benötigt, und vielleicht sogar einen kleinen Etat heraus gehandelt hat bei der Redaktion, um einige der vielen Aufgaben zu delegieren, die bei einer TV-Produktion anfallen, kann oft nicht viel zahlen. Das ist keine böse Absicht. Das ist keine Ausbeutung. Es kommt halt auf den Kontext an.

Wem der Inhalt wichtig ist, und der Begriff „4. Gewalt“ noch etwas sagt, mit Aufklärung durch hartnäckige Journalisten übersetzt, und nicht Boulevard-Kalauerhaft als Bürgerwehr missversteht, der kann sich zusammentun, und Filme machen, die für alle sind. Arbeiten. Intellektuell anspruchsvoll. Für Zuschauer. Für die Gesellschaft. Und für sich selbst. Um nicht denkende Menschen mit Fähigkeiten, Ausbildung und Potential zum Lumpenproletariat zu zwingen. Nur weil Stammtischparolen und angebliche Marktgesetze das so wollen.

Es ware also interessant zu erfahren, ob festangestellte Redakteure das Feature  konzipiert und gedreht haben, oder Freiberufliche Journalisten. Denn: im 1. Programm ausgestrahlt, bedeutet nicht automatisch, daß es sich um ARD-Angestellte handelt.

Insofern steht „Amazon“ pars pro toto. Es hätte auch ein Film über die ARD sein können. „Es ist bekannt, dass Amazon zunehmend auf Leiharbeiter setzt, nicht aber, wie ein System aussieht, das 5000 Menschen für drei Monate heranschaffen und dann wieder loswerden muss“, schreibt Nicolai Kwasniewski. Ob er festangestellt ist, oder freiberuflich, und was von beidem das bessere Los ist, wäre ebenfalls interessant. Ist es ein Vertrag mit dem Spiegel Verlag mit Gewinnbeteiligung? Ist es ein Vertrag mit einer Untergesellschaft? Einer abgetrennten eigenständigen Redaktion? Wie sind Rechte und Pflichten verteilt?

Aber auch: wie werden die unterschiedlichen Anforderungen gewertet? Redakteur und Redakteur ist nicht dasselbe. Wer liest Fachliteratur, findet so ein Thema, telefoniert, entwickelt eine Recherchethese, folgt der Spur, macht sie hart, oder verwirft sie, wer recherchiert und schreibt und legt die Belege einer hoffentlich noch vorhandenen Dokumentationsabteilung vor?

Und wer betreibt weniger Aufwand? Und warum? Mit welchen Folgen? Wer erwartet dennoch denselben Lohn und sogar noch mehr, als diejenigen, die ihre Arbeit ernst nehmen und Informanten und Betroffenen gerecht werden? Mit der Anspruchshaltung von BWL-Studenten. Herangezüchtet mit der Maßgabe, sie müssten unverschämte Forderungen stellen. Fair und gerecht sei etwas für looser. Und so jemanden hat man dann im Büro. Weil nicht vorher ausgesiebt wurde. So jemanden dann loswerden zu wollen, ist wohl kaum Ausbeutung, sondern das Gegenteil.

Wie so oft: es kommt auf den Kontext an. Vielleicht ist dies auch die Erkenntnis einiger, die beim Dreh für „Leiharbeiter“ mit den Autoren gesprochen haben: wir dachten immer, Journalisten seien arrogant. Aber einigen geht´s ja schlechter als uns. Die erfahren erst am Ende des Tages kurz vor Weihnachten, daß sie von der Redaktion erst mal keine Veröffentlichungen mehr bekommen. Vielleicht wird diese Dimension auch gezeigt im Feature. Ich werde mir die Wiederholung ansehen. Hoffentlich erhalten die Autoren ein Wiederholungshonorar. Selbst darum mogeln sich nämlich manche Sendeanstalten herum.

von mir, susanne.haerpfer@bits.de

freiberufliche Fernsehjournalistin