symbolic photo by Susanne.Haerpfer@bits.de

symbolic photo by Susanne.Haerpfer@bits.de

`“Jede Form von fotografischem Beweismaterial inklusive Video ist vor Gericht nicht mehr zugelassen.“

„Das höre ich zum ersten Mal.“

„Das Praezedenzrecht ist noch nicht ganz durch“, klaerte Sanders mich auf, aber es wird kommen. Heutzutage sind alle fotografischen Aufnahmen unzuverlässig, weil sie mit Hilfe von Digitalsystemen perfekt manipuliert werden können, wirklich perfekt.“`

und als Beweis montiert Jingo Asakuma (Künstlername Tia Carrere bzw Carria) dem Hauptdarsteller Sean Connery den Kopf seiner Mitspielers Wesley Snipes auf den Körper – ohne Hinweis wäre die Manipulation nicht zu erkennen.

Die Technik stammt aus dem Jahre 1993.

Das war vor zwanzig Jahren.

Zu sehen im Spielfilm „Die Wiege der Sonne“, auch bekannt unter den Titeln „Rising Sun“ und „Nippon connection“.

Hauptdarsteller: Sean Connery.

Seitdem der Film 1993 in den Kinos lief, wurde er unzählige Male im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Zuletzt am vergangenen Sonntag auf RTL II.

tradition and modernity: SI-e-H

tradition and modernity: SI-e-H

Wie viele Richter, wie viele Anwälte, wie viele Menschen haben dennoch, zwanzig Jahre nach Erstausstrahlung noch immer nichts gehört von digitaler Bildbearbeitung? Wie viele Menschen müssen bei Gericht erst einmal das kleine Einmaleins der Bildbearbeitung dozieren, wenn sie überhaupt dazu die Chance erhalten? Wer kennt den Unterschied zwischen Verbesserung, wie sie bereits früher in den Kopierwerken vorgenommen wurde, wann immer die Helligkeit nicht so war, wie es einem Film zu Gesicht stand, und wirklicher Veränderung? Wie viel ungläubiges Staunen ruft es noch immer hervor, wenn gezeigt wird, daß angebliches Beweismaterial keines ist. Menschen, die verunglimpft werden, Opfer von Rufmord und geschickter Bildbearbeitung sind. Wer fragt beim Betroffenen nach? Wer lässt sich durch empörende Aufnahmen dazu verleiten, sich zu rächen, zu Gewalt aufzustacheln oder das vermeintlich Gesehene brühwarm weiter zu erzählen, statt einfach denjenigen zu kontaktieren, der abgebildet wurde, und zu fragen, ob es stimmt.

Der Film gab gewissermaßen den Startschuss zum Polizeikongress in Berlin, der am 19. und 20. Februar cybercrime thematisiert.

„Rising Sun“ basiert auf dem Buch Michael Crichtons; zwar ein Roman, aber, wie es im Vorwort der deutschen Ausgabe heißt:

„Der Realität dagegen entspricht die Darstellung der Vorgehensweise bestimmter japanischer Konzerne [Toshiba, (…), Matsushita, Nintendo, Mitsubishi, Panasonic und Minolta] japanischer Politiker [Takeshita und Tanaka] sowie amerikanischer Firmen [Fairchild, Houdaille, cray research, (…), emmerson, RCA und General Electric].

Verbrieft dokumentarisch ist beispielsweise folgende Schilderung, die sich in der Taschenbuchausgabe des Jahres 1993 auf Seite  124 findet:

„1986 beispielsweise verkaufte Toshiba den Sowjets gesetzeswidrig wichtige amerikanische Technologie, die es diesen erlaubte, den Lärm ihrer U-Boot-Schrauben zu daempfen. Jetzt liegen russische Atom- U-Boote direkt vor der Küste und wir können sie nicht aufspüren, weil sie dank der Japaner über unsere Technologie verfügen. Der Kongreß war empört und das amerikanische Volk in heller Aufruhr und zwar völlig zu Recht. Es war wirklich unerhört. Der Kongreß plante wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen gegen Toshiba, aber die amerikanischen Lobbyisten, die japanische Interessen wahrnehmen, veranlassten Hewlett Packard und andere amerikanische Unternehmen, sich für Toshiba einzusetzen, weil diese Firmen nämlich wegen bestimmter Computerteile von Toshiba abhaengig sind. Ein Boykott waere für sie nicht in Frage gekommen, denn andere Zulieferfirmen gab es nicht. Wir konnten es uns also tatsächlich nicht leisten, gegen Toshiba vorzugehen. Hier steckt das Problem. Wir sind inzwischen abhaengig von Japan,  und es ist eine tiefe Überzeugung, daß Amerika von keinem Land der Welt abhaengig sein darf“

Jemand stellte ich eine Frage und Morton nickte. „Ja, das ist richtig, unserer Industrie geht es nicht gut, die Reallöhne sind in diese Land heute auf dem gleichen Stand wie 1962. Die Kaufkraft der amerikanischen Arbeiter ist wieder so niedrig wie vor dreißig Jahren. Und das betrifft auch die wohlhabenden Menschen, die ich hier sehe, denn es bedeutet, daß der amerikanische Konsument kein Geld mehr hat um in s Kino zu gehen oder Autos oder Kleidung zu kaufen oder was immer sie hier zu verkaufen haben. Die Wahrheit ist, daß es mit unserem Land abwaerts geht.“

Eine Frau stellte mir eine weitere Frage, die ich nicht hören konnte, und Morton erwiderte: „Ja, auf dem gleichen Stand wie 1962. Ich weiß, daß das kaum zu glauben ist, aber denken sie mal zurück an die fünfziger Jahre als es sich die amerikanischen Arbeiter leisten konnten, Haeuser zu kaufen, eine Familie zu gründen und die Kinder auf´s College zu schicken. Alles mit einem einzigen Einkommen. Heute arbeiten beide Elternteile und trotzdem können sich die meisten Leute kein eigenes Haus leisten. Man bekommt weniger, alles ist teurer geworden, die Leute müssen kaempfen, um auch nur das zu behalten, was sie haben, aber sie kommen nicht weiter.“

Klingt aktuell, so, als sei es heute formuliert? Richtig. Geschrieben 1993. Seitdem ist es mit der amerikanischen Wirtschaft noch weiter bergab gegangen, und die Technik dürfte sich rasant weiter entwickelt haben. Der Unterschied hat sich also verdoppelt bis vervierfacht. Und dennoch ist dies nur den wenigsten bewusst.

Es wird nur wenig berichtet, und dies, obwohl es sich um öffentlich zugängliche Quellen handelt. Selbst die Patente sind nicht geheim. Aber kaum jemand macht sich die Mühe, zu erläutern, was die Patente bedeuten, welche Folgen sie haben für Überwachung und Denunziation, für Entlassungen und Verbrechen, für Vertuschen und Erpressung. Weil dafür Gespür nötig ist, überhaupt auf die Idee zu kommen, und Ernsthaftigkeit, es zu wollen und Freude. Außerdem braucht es Zeit, und die kostet, und das Geld will kaum jemand geben. Die Folge: Falls überhaupt einmal von neuen Entwicklungen die Rede ist, dann mit Sicherheit im PR-Jargon als angebliche „Chance“ verpackt.

comparative advantage: design - photographed by Susanne.Haerpfer@bits.de

comparative advantage: design – photographed by Susanne.Haerpfer@bits.de

Und so kommt es, daß der vermutlich „frischeste“, aktuellste und kritischte Beitrag über das, was während des Polizeikongresses auf der Agenda stand, aus einem Buch aus dem Jahre 1993 stammt:

„Die Japaner verfügen mittlerweile über eine ziemlich ausgeklügelte Videosuchsoftware – es gibt da ein Programm mit dem man eine bestimmte Aufnahme sagen wir von einem Gesicht markiert und dann wird das ganze Band automatisch danach abgesucht damit findet man jede Aufnahme dieses Gesichts auch in einer Menschenmenge, wo immer es auftaucht das Programm sieht das Einzelbild eines dreidimensionalen Objekts und erkennt dasselbe Objekt in anderen Perspektiven wieder. Ziemlich raffiniert aber langsam

wundert mich, daß Ihr Sender das nicht hat.“

… das darf hier gar nicht verkauft werden. Die allerneueste japanische Videotechnologie ist bei uns gar nicht erhältlich. Die halten uns absichtlich drei bis fünf Jahre hinterm Mond.“

(aus: Michael Crichton „Die Wiege der Sonne“)