Selten ist die Weisheit „Des einen Terrorist, des anderen Freiheitskämpfer“ so spektakulär verfilmt worden wie im Dokumentar-Film „The Gatekeepers“, der für die Oscar´s nominiert ist. 

Erstmals kommen alle Chefs des Shin Beit zu Wort. Der Inlands-Geheimdienst Israels.

Der Trailer zeigt Statements der Geheimdienstchefs:

http://www.imdb.com/title/tt2309788/?ref_=fn_al_tt_1

Der Dokumentarfilm wurde auf dem Sundance Festival Robert Redford´s gezeigt.

„Wer zu Gewalt greift, hat schon verloren“,

sagt Sean Connery im Film „The Rising sun“.

Yemenite jewellry, photographed by Susanne.haerpfer@bits.de

Yemenite jewellry, photographed by Susanne.haerpfer@bits.de

So betrachtet, haben Shin Beit, Mossad, Sayerat Matkal, Modein und die anderen, weniger bekannten Nachrichten-Dienste Israels bereits verloren. Da sie nur die Gewaltspirale anheizen. Zu diesem Fazit kommt auch Ami Ayalon. Er leitete den israelischen Verfassungsschutz von 1996 bis 2000 und sagte heute:

„We wanted more security and got more terrorism.“ 

„You can´t make peace by military means“, sagt Avi Dichter im Interview (2000-2005).

Das klingt friedlich, kann aber auch bedeuten: wer seine Gegner militärisch nicht besiegen kann, greift zu List und Tücke.

„Someone hit the button and the cellphone explodes“ beschreibt Carmi Gillon

Attentate per Handy. Er leitete den Inlandsgeheimdienst von 1994 bis 96.

Erstmals kommen die Leiter des Nachrichtendienstes Israels in einem Dokumentarfilm zu Wort, wirbt der Trailer.

Kritische Töne gab es bereits vorher. „Im Geheimen Auftrag“ von Muki Betser, beschreibt Einsätze Muki Betsers während des Golfkriegs, des Olympia-Attentats und des Einsatzes in Entebbe. Betser war unter anderem Einsatzleiter des Sayeret Matkal, Teil des Militärgeheimdienstes. In seinem Buch klingt Kritik an den Vorgaben einiger Politiker, Vorgesetzter und Kollegen. Denn: „Des einen Terrorist, des anderen Freiheitskämpfer“, gilt auch und gerade in Diensträngen. Was der eine als standhafter Demokrat in Uniform betrachtet, gilt in den Augen von hardlinern als Hochverrat. Was der eine als rechtmäßig erachtet, finden andere rechtsextrem. Und so sind die Geheimen und Militärs damit beschäftigt, sich gegenseitig zu bekriegen. Glaubenskämpfe mit unlauteren Mitteln. Flügelkämpfe und ideologische Auseinandersetzungen – geführt von Leuten, die gelernt haben, Bomben zu basteln, Anschläge zu verüben, Papiere zu fälschen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Wer ist nur standhaft und begeht Notwehr, und wer hat die Seiten gewechselt und macht gemeinsame Sache mit Terroristen? Wer ist eine „renegade“ geworden? Wer ist ein whistle blower? Schwer zu erkennen für Außenstehende. Und so kann so mancher steckbrieflich Gesuchter in Wahrheit ein aufrechter Demokrat sein, und diejenigen, die sich als Innenrevision als angebliche Saubermänner geben, in Wahrheit gefährliche Verbrecher.

In Muli Betsers Buch klingt dies an:

Auf Seite 171 schreibt er, Giora, Leiter der Einheit, habe den Befehl gegeben, ein Flugzeug abzuschießen, mit normalen Passagieren an Bord, falls der Pilot nicht nach Israel fliegen sollte.

Ein schwerer Vorwurf aus dem eigenen Land, den eigenen Reihen. Wie ist der Vorgang belegt? Welche Reaktion gab es im Land? Gab es eine Debatte in Israel? Welche Reaktion gab es auf das Buch? Wollte ich 2009 wissen, bat die Israelische Botschaft um Kontakt zum Autoren. Ich mailte, eine Antwort erhielt ich nicht. Vielleicht ändert sich dies, die Oscar-Verleihung bietet einen Anlaß, auch für deutsche Medien, freiberufliche Journalisten mit Hintergrundberichterstattung zu beauftragen: susanne.haerpfer@bits.de

tank as symbolic photo, by: SI-e-H

tank as symbolic photo, by: SI-e-H

Gate Way statt „Gate keeping“.

Muki Betser schildert weitere Vorkommnisse: 

Dado, der den Befehl gegeben haben soll, die Olympia-Attentäter zu ermorden, soll auch befohlen haben, eine libysche Verkehrsmaschine abzuschießen.

Der Pilot hatte nicht reagiert, war in Sturm geraten. 

Alle Passagiere kamen um´s Leben. 

Die Israelische Regierung bot Entschädigung, die über einen nicht genannten Dritten in Europa, gezahlt worden sei. 

Falls die Schilderung stimmt, böte sie Stoff für weitere Magazinbeiträge. Was ist berechtigte Kritik, was Machtkampf unter Kollegen? Schwer zu unterscheiden für Außenstehende. die einzige Möglichkeit, sich der Wahrheit zu nähern, ohne in Flügelkämpfe, Neid und Missgunst hineingezogen zu werden, ist, möglichst alle Beteiligte zu sprechen, und immer im Hinterkopf zu haben: es kann auch alles anders sein, als es den Anschein hat.

Dies gilt auch für die fundamentale Kritik, die Muki Betser auf Seite 174 formuliert:

„Von dem Augenblick an, in dem Giora uns die Operation erklärt hatte, war mir die Sache fragwürdig erschienen: Um den Mann zu fassen, der praktisch die Flugzeugentführung als eine Methode des politisch motivierten Terrorismus erfunden hatte, entführten wir selbst eine Maschine.“ 

So deutlich kritisierte ein leitender Angehöriger einer Israelischen Spezialeinheit das Vorgehen. 

canon on ice; symbolic view on "Kanonenfutter" by: Susanne.Haerpfer@bits.de

canon on ice; symbolic view on „Kanonenfutter“ by: Susanne.Haerpfer@bits.de

Fundamentale Kritik. 

Welche Konsequenzen hatte dies? In Israel? Welche Reaktionen gab es? Für den Autoren? Wie reagierten counterparts in Deutschland? 

Gibt es Menschen, die ähnlich denken? Gibt es eine Debatte in Israel? Warum hat man in Deutschland nicht mehr von solch tiefgreifender Kritik gehört? Abseits klassischer Pfade. Fragen, auf die ich bislang keine Antwort erhielt. 

Muki Betser erklärt, weshalb es zu Verschwörungstheorien in der arabischen Welt kommt. Israelische Spezialeinsatzkräfte sollten als palästinensische Terroristen einen Jet kapern, schreibt der Militär auf Seite 280. 

Andere Passagen sind weniger eindeutig bzw. widersprechen sich. Als Leser weiß man nicht, ob Betser es ernst meint, Ironie nicht als solche kenntlich macht, ob er Leute berechtigt in die Pfanne haut, ob Lob vergiftet ist: „Dado war der erste Generalstabschef der IDF, der vorzeitig seinen Hut nahm. Er starb ein paar Jahre später als gebrochener Mann. Gorodish ging in´s Exil und suchte in Zentralafrika nach Diamanten in der Hoffnung, so reich zu werden, dass er eine Kampagne starten könnte, um seinen Ruf wiederherzustellen.“ 

Das gibt´s. Behörden treiben Menschen dazu, zu den Wegen greifen zu müssen, um am Leben zu bleiben, die sie eigentlich bekämpfen; Pest oder Cholera. Sauber bleiben und verleumdet werden, oder nicht mehr völlig einwandfrei arbeiten, aber Notwehr üben. 

Die Rache folgt auf dem Fuß:

Auf Seite 218 schreibt Bester, wie seine Vorgesetzten einen Soldaten und einen Talmudstudenten einspannen, um ihn für tot erklären zu lassen.

Der schlimmste Feind sind die eigenen Leute, ist ein Fazit des Buchs.

Dagegen wollte Betser vorgehen, schreibt er: Der Autor hatte etwas Einmaliges vor, wollte den eigenen Stall ausmisten. (Seite 258)

von: Susanne.Haerpfer@bits.de (Freiberufliche Journalistin für´s Fernsehen und Print-Veröffentlichungen)