Kaplun in Moscow: Susanne Haerpfer in Moscow for metaproductions

Kaplun in Moscow: Susanne Haerpfer in Moscow for metaproductions

Achtung

ATOM ALARM

Atomschutzanzüge – dunkle Ringe, wo einmal Augen waren, Schläuche statt Nasen – Bilder, die Angst machen. Zu Recht. Bilder, die aufrütteln sollen.

Mit diesen dokumentarischen Aufnahmen aus den 50 er Jahren hätte das Feature anfangen können.

http://www.phoenix.de/planspiel_atomkrieg/221035.htm

Dann wären Menschen dran geblieben, die auf Phoenix die Tagesschau eingeschaltet hatten, und noch die ersten fünf Sekunden des Folgeprogramms abwarten. Chance verschenkt. Die eindrucksvollen Aufnahmen wurden versteckt. 45 Minuten mußte man sehen, bis die historischen Schwarz-weiß-Aufnahmen um 21 Uhr auf den Sender gingen. 45 Minuten, in denen Kameratechnisch hervorragend gedrehtes Material verschenkt wurde durch sterbenslangweilige Kommentare und langweilige O-Töne.

Dabei hat das Feature „Planspiel Atom-Krieg“

Brisanz. Potential für einen echten Aufreger. SPIEGEL-Exklusiv-Meldungen, Tagesschau-Aufmacher und dpa-Tickermeldungen:

300 Atombomben sollten über Deutschland abgeworfen werden. 

300 Atombomben sollten über Deutschland abgeworfen werden. 

Diese Ungeheuerlichkeit wurde versteckt, in einem Nebensatz im Feature im off-Kommentar als Beiläufigkeit erwähnt. Statt auf diese news zu setzen, und diese Hauptaussage des Films zu wiederholen und die prominenten Interviewpartner danach zu fragen. Egon Bahr ist im Interview zu sehen – liebevoll ausgeleuchtet. Im schimmernden Dunkelblau wie es Brennstäbe im atomaren Abklingbecken sind. Form und Inhalt bilden eine Einheit. Nur leider wurde ein belangloser, nichtssagender O-Ton Bahrs ausgewählt, statt den prominenten Staatsmann nach den Hintergründen zu fragen: wie kann es sein, daß 300 Atombomben auf Deutschland geworfen werden sollten? Diese Nachricht brächte noch heute tausende Demonstranten auf die Straße. Diese Nachricht hat das Potential, es auf die Titelseite von New York Times und Washington Post zu schaffen. 

300 Atombomben auf Deutschland – Stellungnahmen und Meinungen von wichtigen Personen Deutschlands und der Welt. Das würde die Friedensbewegung wieder beleben. Ostermärsche und 1.Mai wären bestätigt und zugleich modern. Empörung verständlich. Diese Nachricht könnte den Kirchentag in Wallung bringen. Kirche für den Frieden? Oder 300 Atombomben weihen? Was sagt der Pfarrer der Bundeswehr? Damals. Und heute. Fakten und Gefühl. Potential für weltweites Engagement gegen Atomkraft vom Dalai Lama bis zu Präsidenten und die Fondas wären auch dabei. All dies wäre drin gewesen im feature. Und wurde stattdessen versenkt in staatstragender Langeweile und Verharmlosung in historischen Binsen. 

motto photo by me Susanne.Haerpfer@bits.de

motto photo by me Susanne.Haerpfer@bits.de

Mit einem zweiten scoop wurde der Film vorab geteasert: 

Die zivile Regierungsmaschine Adenauers wurde von der CIA benutzt, um über Moskau Spionage-Aufnahmen zu machen. Ungewöhnliche Radarstellungen sollen auf den Aufnahmen zu sehen sein, die bis heute geheim gehalten werden, so der ehemalige CIA-Mann Dino Brugioni. Wright Petterson airbase stellte die Monteure, ein Kopierwerk der Airforce in Wiesbaden 

soll die Geheimaufnahmen entwickelt haben, so der ehemalige CIA-Mann im Interview. Anlaß, nachzufragen. Was sagt die Airforce dazu? Welche Folgen hat die Aktion? Immerhin bedeutet das Geständnis, die Sowjets hatten Recht, wenn sie westliche Passagiermaschinen der Spionage verdächtigten; eine Koreanische Maschine sogar abschossen. 

von:

susanne.haerpfer@bits.de