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Carlos steht für Carl Rupp oder Carlsthorpe.

Diese erstaunliche Erklärung ist im Film „The Jackall“ zu sehen. Bruce Willis spielt den Terroristen Carlos. Der Bayerische Rundfunk BR sendete die Wiederholung am Sonntag.

Sehenswert. Denn manche Details geraten in Vergessenheit. Und: Film und Wirklichkeit beeinflussen sich gegenseitig.

David Yallop, Autor des Standardwerks über Carlos, schreibt, es gab mehrere Carlos, von denen er viele traf:

„Die Israelis vermuteten schon lange, dass es bis zu vier Männer gab, die sich als Carlos ausgaben. Gaddafi hatte mir gegenüber die Meinung geäußert, dass der echte Carlos tot sei und sich andere seines Namens bedienten – eine nicht uninteressante Meinung, die auch israelische Militärs teilten, zum Beispiel Oberst Raanan Kissin.“

Wenn ein Carlos jetzt im Knast ist, was machen die anderen zur Zeit, wo befinden sie sich, was haben sie gemacht; weshalb gab es sie?

IMG_0001 Wilhelm Dietl photographed by Susanne.Haerpfer add bits.de

Im zweiten Standardwerk über Carlos von Wilhelm Dietl, heißt es, Daimler, Lufthansa, deutsche Diplomaten, Bundeskriminalamt BKA, BND Bundesnachrichtendienst und andere Behörden sowie deutsche Politiker wussten früh von Carlos, seinem Aufenthaltsort. Dennoch – so Wilhelm Dietl, unternahmen sie nichts, ja verzögerten sogar dessen Festnahme.

http://www.wilhelmdietl.de/index.php?menuid=44

Deutsche Firmen und Politiker als Kumpane des größten Terroristen. Wer gehört eigentlich von den Hochnotablen mit auf die Anklagebank in Paris?

David Yallop zitiert Peter-Jürgen Boock:

„Die Franzosen gaben häufig Champagnerempfänge, bei denen sich die absoluten Topleute vom Geheimdienst und die Topterroristen gegenseitig beschnuppern konnten. Später bediente sich der Geheimdienst der Beziehungen, die dabei geknüpft wurden. Zum Wohle Frankreichs.“ Auch Boock wusste von diesen Treffen: „Sie fanden in der Nähe von Paris statt. Sie waren fast wie Staatsempfänge. Carlos nahm an solchen Treffen teil, und auch Mitglieder der Roten Armee.“ http://www.yallop.com/totheendsoftheearth.aspx

Auch sein counterpart Klaus-Dieter Matschke von KDM consulting stützt diese Aussage in seinem Buch „Carlos-Komplize Weinrich“ .

[Eichborn Verlag ISBN-10: 3821811927] Der ehemalige Behördenmann schreibt darin:

„In den 80 er Jahren entwickelte er mit Carlos Frau Magdalena Kopp das Konzept einer `Terror-Consult`-Firma, die „antiimpirialistische Organisationen“ bei der Planung und Durchführung sachgemäßen Terrors beraten und unterstützen sollte.“

Gar nicht so abwegig, wenn man sich das Interview mit dem GSG-9-Gründer Ulrich Wegener auf zdf history anhört. Darin betont er, false flagg-Aktionen seien eine gängige Methode von Spezialeinsatzkommandos, bei denen sich die Mitglieder als ihre Gegner ausgeben; also unter falscher Flagge segeln. Der SPIEGEL erhielt eine Akten-Freigabe, die die bisherige Geschichtsschreibung korrigiert. Demnach hätten staatliche Stellen in den 70 er Jahren Verbrechen geplant wie Vergiftung von Wasserwerken und Anschläge auf die Stromversorgung, um diese ihren politischen Gegnern in die Schuhe zu schieben, sie zu kriminalisieren und so von Unterstützung abzuschneiden.

Im Spielfilm treffen sich Beamte und beschreiben den Attentäter als spec op-Soldat aus Schweden, Norwegen, Belgien oder Groß Britannien.

Aus diesem Grund ist die Rolle auch mit dem blonden Bruce Willis besetzt, der nichts zu tun hat mit dem Aussehen des Venezulaners, der gemeinhin als Carlos bezeichnet wird.

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Wurden einige der Attentate von Schwedischen, Norwegischen und Belgischen Killern begangen?

Eine fanatisch-anti-kommunistische Einheit, die aber bis nach Südamerika reichte.

Und unter dem Namen Carl-OSS bis in die 70 er Jahre Anschläge verübte?

Unterstützt von Britischen Irland-Kämpfern unter der Bezeichnung Cha-CAL?

Unter dem selben Namen für den Iranischen Schah tätig, um die Ölvorkommen zu schützen. Offiziell wurde der Name begründet, man kämpfe gegen die Tee trinkenden (= russisch cha) Russen und andere „Vaterlandsverräter“. Eine entsprechende Anfrage bei den Machern des Films blieb bislang unbeantwortet. Der unabhängige Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eeenboom aber hat eine Studie über Europäische Nachrichtendienste auf Cdrom geschrieben. Sie ist erhältlich beim

Forschungsinstitut für Friedenspolitik e.V. in Weilheim, http://www.geheimdienste.info/impressum.htm

„Bis zum November 1990 verfügte auch Frankreich über eine Gladio-Organisation. Die zu Beginn der fünfziger Jahre gegründete stay-behind-Truppe unter Führung der DGSE trug hier den Decknamen Windrose.

Berichten aus Italien zufolge soll die Organisation u.a. 1958 die Rückkehr de Gaulles befördert haben. Die Kernaufgaben der in der Kaserne der Fremdenlegion von Calci ausgebildeten Einheit waren von der Erfahrung der deutschen Besetzung in den vierziger Jahren bestimmt: Sie sollte Politiker einer potentiellen Exilregierung und wichtige Dokumente rechtzeitig herauslösen und den Kontakt einer Widerstandsbewegung in einem besetzten Gebiet zu ihnen sicherstellen.“

Exakt das von Eenboom-Beschriebene wird im Bruce-Willis-Film dargestellt.

Vielleicht gibt es ja einmal die Möglichkeit für ein making of der hintergründigen Art; Familienhistorie inklusive.

Verbunden mit Branchen-Expertise.

Über usancen auf Bohrplattformen und deren Chefetagen.

Erich Schmidt-Eenboom schreibt auf seiner Geheimdienst Cdrom:

„Große Unternehmen wie Ölgesellschaften und Banken unterhalten darüberhinaus ihre eigenen Aufklärungsorganisationen insbesondere in Afrika und dem Mittleren Osten.

erdöl durhsihtig wundershön blau 0151  motto photo of oil sample by Susanne Haerpfer

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„Die Nachrichtendienste, Konzerne und der militärisch-industrielle Komplex sind nicht nur durch gemeinsame Interessen, sondern auch durch personale Verflechtungen miteinander verbunden. Gerard Rénon beispielsweise wurde im Mai 1989 Staatssekretär im Verteidigungsministerium und als solcher verantwortlich für die Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten auf militäri­schem und nachrichtendienstlichem Gebiet. Rénon war ehemaliger Direktor der zwei einflußreichsten Industrielobbies in Frankreich, der CEA (Atomenergiekommission) und des Öl- und Minenkonzerns BRGM. […]

Auf 51 Seiten beschreibt der Autor den Zusammenhang von französischer Luft- und Raumfahrtindustrie, Geheimdiensten und Wirtschaftsspionage. Insofern ist der Name Carl Rupp im Film „The Jackall“ zugleich eine Anspielung an den Namensvetter und high tech-Spion in der Realität.

Erich Schmidt Eenboom scheibt auf der CD rom:

„Ehemalige Nachrichtendienstoffiziere sind in der französischen Rüstungsindustrie, aber auch in Ölgesellschaften und der Bankenwelt, zahlreich vertreten. Viele pensionierte Nachrichtendienstler setzen ihre Karriere entweder als Verhandlungsführer der Regierung oder aber als „unabhängige Berater“ im internationalen Waffenhandel fort.

[…]

Dabei bleibe es nicht, schreibt Schmidt-Eenboom. Vielmehr habe der „im Oktober verhaftete französische Konsul in Guinea, Pierre Leber, schiitische Gruppen aus dem Libanon mit Pässen, Visa und Kabeln des Auslandsnachrichtendienstes versorgt“.

Ein französischer Konsul, der schiitische Terroristen mit Pässen versorgt.

Für so manches Ereignis gibt es also mehr als eine Erklärung. Wer aktuelle Ereignisse verstehen will, sollte sich mit der Vergangenheit beschäftigen, vor allem aber damit, welche Pressemitteilungen zu Anschlägen sich mit Zeitabstand als Falschinformation oder gar als gezielte Desinformation herausgestellt haben.

Zur Erinnerung: KDM schreibt in seinem Buch über Steve Weinrich, er habe eine „Terror-Consult`-Firma“ betrieben.

Wie dies ausgesehen hat, ist zu sehen in der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“:

„You´ve just been murdered“,

verkündet George Murcell (= Zellenwand auf Franglais) in der gleichnamigen Folge. Der Darsteller, der von Wikipedia als verstorben gemeldet wird, sieht in der Episode 125 dem Venezulaner Carlos so ähnlich, daß er dem Buch-Autoren David Yallop begegnet sein könnte.

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„Wir zeigen Ihnen jetzt, wozu Waffen gebraucht werden, ohne Beschönigung.

Waffen töten, und das demonstrieren wir jetzt“,

sagt in der Folge, die ARTE am 3. April 2012 ausstrahlte, die Gegenspielerin von John Steed und Emma Peel.

Sie sieht aus wie die Darstellerin an der Seite Daniel Craigs, und zeigt, wie aus Friedensaktivisten Verbrecher werden.

Sie stürmt eine Waffenhändlerkonferenz und erschießt die Geschäftsleute mit ihren eigenen Produkten.

Zunächst nur mit Farbe per Paint ball:

„Sie wurden gerade zum vierten Mal ermordet. Damit dies nicht in Wirklichkeit geschieht, zahlen Sie Summe x.“

Aus der ursprünglichen Idee, all jene drastisch, aber letztendlich harmlos mit der Realität zu konfrontieren, die Entscheidungen treffen, ohne die Folgen zu kennen, wird erst Erpressung, schließlich Mord.

Zu sehen in der Folge aus dem Jahr 1967. Wie im Film, so in der Wirklichkeit.

Zu sehen ist, wie aus einem Security-Unternehmen, das Sicherheitslücken aufspürt und realitätsferne Abgeordnete mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen konfrontiert, ein Verbrechersyndikat wird.

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Ähnliches muß es auch in Wirklichkeit gegeben haben. Wer auf der Seite der Shell-Ölgesellschaft stöbert, findet in der Rubrik Historie der Szenarien-Abteilung den Hinweis, der Abteilungsgründer habe zu drastischen Mitteln gegriffen, um abgehobenen Konzern-Angestellten zu vermitteln, welche Folgen es hat, was sie vom Büro entscheiden:

„In September 1972, head of scenarios, Pierre Wack, gave what is recalled by those who attended as an „enthralling three – hour performance in which he outlined SHELL´s 1973 oil shock.“

http://s01.static-shell.com/content/dam/shell-new/local/corporate/corporate/downloads/pdf/shell-scenarios-40yearsbook080213.pdf

„THE ‘FATHER OF SCENARIOS’ WHO SHAPED SHELL’S FUTURE.

He was inspired by an Armenian-born mystic and spiritual teacher. He burnt incense sticks in his London office in the 1970s and paid lengthy visits to a guru in India.“

Ähnlichkeiten mit dem hochnotablen Philosophen und Geschäftsmann, der andere bei Tisch zu Terroranschlägen anstiftet im Film „München“ sind vermutlich rein zufällig.

Zumindest in der Vergangenheit wurden aber Kriege um´s Öl geführt, Regierungen gestürzt, und selbst vor Mord nicht zurückgeschreckt. In diesen Zeiten werden Behörden an ihre Vergangenheit erinnert. Vielleicht ergibt sich auch so manche Erkenntnis daraus, die Herkunft von Konzernszenarien zu untersuchen für eine etwas andere Firmenschrift. Um für die Gegenwart zu lernen.

Was geschieht in Griechenland? Wer wird unterstützt und weshalb? Was hat dies zu tun mit der griechischen Ölförderung in Zypern und mit Schuldfragen aus Armenien-Verfolgung und aus Terrorismustagen?

Bild 1337  frontline of North Cyprus, photo: Susanne Haerpfer

Carlos habe mit der griechischen Terrororganisation ASALA zusammengearbeitet, schreibt Wilhelm Dietl im Terrorismuslexikon – Eichbornverlag ISBN-13: 978-3821856421.

Angesichts der aktuellen Eskalation: wer steckte hinter ASALA? Wer finanzierte sie? Wer waren die Nutznießer? Und was wurde aus Finanziers, was aus den Handlangern? Was macht wer heute? Sind dieselben Akteure noch immer am Werk?

von Susanne Haerpfer@bits.de