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„Der C.H. Beck Verlag feiert Jubilaeum. Die Mitarbeiter machen das, was sie schon immer gemacht haben.“

Unglaublich oder? Da wagen es doch tatsaechlich Verlagsmitarbeiter das zu tun, was sie können und schon immer gemacht haben. Und es gibt sie immer noch.

Ja dürfen sie das denn?

Ironie gewiß. Doch das Ganze hat einen ernsten Hintergrund. Denn offenbar gibt es geheime Spielregeln, denen zufolge es einigen Menschen verboten wird, das zu tun, was sie am besten können. Berufsverbot durch die Hintertür. Wettbewerbsverzerrung für die anderen.

Einige geben auf und machen PR, andere geben komplett das Schreiben auf, einige werden eingesperrt, und einige werden Selbstverleger. Die betreiben dann Selbstausbeutung oder werden in diese getrieben – das Produkt ist rund um die Uhr verfügbar, nannten dies die Referenten.

Auf einer Veranstaltung an der Hamburger Börse zum Thema self publishing.

Dort wurde auch Rufmord an der Frankfurter Rundschau betrieben, und keiner protestierte, als es hieß, die Zeitung gebe es nicht mehr. Dann stand sie wieder auf. Und es wurde ein relaunch verkündet, ohne daß dies so genannt wurde. Vielleicht war es auch nur ein Aufmerksamkeitstest. Jedenfalls wurde eine Entwicklungsredaktion des SPIEGEL vorgestellt: eine Tageszeitung. Und man war sich einig: inmitten des information overflow fehlt es irritierenderweise an verläßlichen Informationen. Selbst recherchiert mit Hintergrundwissen, die alle Seiten zu Wort kommen laeßt.

Es scheint niemandem aufgefallen zu sein, aber dieses Wunder-Blatt gab es laengst:

Das war der SPIEGEL.

Jedenfalls in dem Jahr, in dem ich geboren wurde: 1964.

Auch in den Jahren, in denen ich erst lesen und dann schreiben lernte, war der SPIEGEL die unabhaengige Informationsquelle, der Garant für Frieden und Freiheit, der Aufpasser, der Vertuscher erwischte und am Kragen packte – der große Bruder, statt der Große Bruder.

Es wird Zeit, sich an diese Faehigkeiten zu erinnern.

Bei SPIEGEL online erschien ein wegweisender Artikel.

Christoph Seidler schrieb über eine Studie über die realen Kosten, die den Gewinn bei weitem übersteigen werden, wenn in der Arktis Rohstoffe abgebaut werden.

Es wird Zeit, die verheerenden Folgekosten zu berechnen, die es hat, wenn sich Journalismus nicht lohnt: Wenn Journalisten zu bloßen Schönschreibern werden, die den Kern ihres Berufs vergessen oder nie erlernen. Recherche, mißtrauisch sein, Nachfragen, hartnaeckig und wissbegierig sich in Themen einlesen und dabei Privatsphaere zu achten, Gossip meiden und sich fünfmal fragen, wem sie jeweils tatsaechlich nützen.

Wenn Journalisten in die Armut getrieben werden, hat dies fatale Konsequenzen.

Eine andere Form von Armut ist ihr Gegenteil: Gier und Überfluß.

Wenn es keine kritischen, recherchierenden Journalisten mehr gibt, schadet dies auch Unternehmern. Denn sie lesen keine Informationen mehr, sondern nur noch PR, die entweder sie selbst oder andere in Auftrag gegeben haben. Der „schwarze Kanal“ westdeutscher Prägung. Self affirmation als vicious circle, würden das vermutlich Marketing-Verkäufer nennen. Die wirklichen Informationen erhalten auch die Unternehmer nicht mehr für 4 Mark am Kiosk, sondern den liefern dann compliance- Firmen, information broker oder arbeitslos gewordene Investbanker und Versicherungsmakler. Deren Validitaet wird dann nochmals von der Revisionsabteilung überprüft, doch am Ende gucken aus Zeitmangel doch alle nur RTL.

Zaehneknirschend und viel zu spaet wird man sich dann reumütig eingestehen, daß es wohl ohne Journalisten doch nicht geht. Aber die gibt es dann nicht mehr und müssen erst wieder mühsam neu erfunden werden. Ungefähr in dieser Situation befinden wir uns zur Zeit.

Es sei denn, Kinder haetten klammheimlich gegen ihre opportunistischen Eltern rebelliert und sich aus Trotz und Begeisterung für den Journalismus entschieden. Kind, was soll nur aus dir werden?

Journalist. Rechercheur. Fotograf. Fernsehmacher. Vielleicht päsentieren sie oder wir morgen das Zukunftsprojekt, eine Reise in die Vergangenheit, ein Gemeinschaftswerk mit Frankfurter Rundschau und dem Spiegel:

                                                             „fr  ees“       

vON Susanne Haerpfer