„Das Rote Kreuz teilt in Europa inzwischen mehr Lebensmittel an Bedürftige aus als in Afrika

http://www.neues-deutschland.de/artikel/914720.essen-oder-miete.html

Apfel der Erkenntnis - photo: Susanne.Haerpfer add bits.de

Apfel der Erkenntnis – photo: Susanne.Haerpfer add bits.de

Von Niels Astrup
Die Krise wirkt sich längst auf die Ernährung aus:

Mindestens 43 Millionen Europäer sind auf

Nahrungsmittelhilfen angewiesen – Tendenz weiter

steigend.
687a06da660921b72c03576d76a3f697.jpg
Rot-Kreuz-Mitarbeiter bei der Essenausgabe an

Obdachlose in Paris
Foto: AFP/Sakutin

Die Aussage lässt an Deutlichkeit nichts zu

wünschen übrig: »Das Rote Kreuz teilt nun mehr

Essen in Europa aus als in Afrika«, sagte der

Generalsekretär des Dänischen Roten Kreuzes,

Andreas Landekarl, kürzlich im dänischen Rundfunk.

»Dies ist sicher nicht angenehm, und da wir ein

verhältnismäßig reicher Kontinent sind, müssen wir

dies sehr ernst nehmen.«

Bereits zuvor hatte das britische Rote Kreuz

berichtet, derzeit würden mehr Lebensmittel in

Europa ausgeteilt als in Afrika. Laut karitativen

Organisationen sind mehr als eine halbe Million

Briten auf solche Hilfen angewiesen. Seit April,

als die konservative Regierung David Camerons

weitere harte Einschnitte bei Sozialleistungen

einführte, soll sich die Anzahl der Familien, die

um Lebensmittelhilfe bitten, verdreifacht haben.

Das Rote Kreuz verteilt Essen an Schulen, in

Altersheimen und für Obdachlose. Ende dieses

Monats sollen sich Freiwillige der

Hilfsorganisation an den Eingängen Hunderter

Filialen der Supermarktkette Tesco postieren, wo

sie die Kunden bitten, eine extra Packung Zucker,

ein Glas Marmite oder eine Packung Haferflocken zu

kaufen und zu spenden.

Die Briten stehen damit nicht allein: Im Laufe

dieses Jahres musste mehr als die Hälfte der

nationalen Rote-Kreuz-Sektionen in Europa neue

Sozialprogramme starten. Der Grund: Immer mehr

Menschen werden vom Arbeitsmarkt und von

Sozialleistungen ausgeschlossen. »Europa ist

selber eine Krisenzone geworden«, sagte Yves

Daccord, Generaldirektor des Internationalen

Komitees des Roten Kreuzes in Genf, gegenüber der

dänischen Zeitung »Politiken«. »Wir sehen jetzt

zum ersten Mal, dass sich das Rote Kreuz in

mehreren europäischen Ländern auf die Armen im

eigenen Land fokussieren muss und weniger auf die

Arbeit außerhalb Europas«.

Eine kürzlich vorgestellte Studie des Roten

Kreuzes belegt die Wirkungen der Krise, die seit

2009 immer gnadenloser wurden. In den 22

untersuchten EU-Ländern ist die Zahl der Menschen,

die Lebensmittelhilfe benötigen, um 75 Prozent

gestiegen. Insgesamt haben mindestens 43 Millionen

Europäer nicht genug zu essen. Geschätzte 120

Millionen Bürger seien armutsgefährdet – in 17 der

28 Mitgliedsstaaten sogar mehr als 20 Prozent der

Bevölkerung. Millionen Europäer müssten jetzt

wählen, wofür sie ihr knappes Budget ausgeben. So

würden in Frankreich rund 75 Prozent der Menschen,

die um Lebensmittelhilfe bitten, dies tun, weil

sie ansonsten ihre Miete nicht bezahlen könnten

und auf der Straße landen würden.

Selbst in Regionen, die vor einigen Jahren noch

Symbol für einen fast protzigen Wohlstand waren,

verteilt das Rote Kreuz inzwischen Lebensmittel.

So erhalten in der norditalienischen Metropole

Mailand 50 000 Menschen Essen. Selbst im reichsten

EU-Land, Luxemburg, wo das Rote Kreuz bis 2009

überhaupt keine Lebensmittelhilfen verteilten

musste, werden jetzt täglich 20 000 Essen

ausgegeben.

Das Rote Kreuz weist in seinem Report auf mehrere

besorgniserregende Trends hin: Die, die schon arm

waren, sind noch ärmer geworden. Außerdem gebe es

viele »neuen Arme«, der Gesundheitszustand der

Bevölkerung verschlechtere sich, die

Arbeitslosigkeit steige und die abwertende Haltung

gegenüber Einwanderern nehme zu.

Angesichts dieser besorgniserregenden

Entwicklungen warnte Bekele Geleta,

Generalsekretär der Internationalen Föderation der

Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, in der

britischen Zeitung »The Independent«: »Wir sehen

ein, dass die Regierungen sparen müssen, aber

raten stark davon ab, bei Gesundheits- und

Sozialleistungen zu sparen. Dieses würde auf

längere Sicht mehr kosten.«

Neues Deutschland